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Zeit

Zeit

„Nein!", schluchzend kniete sie sich neben den leblosen Körper. „Wach auf! Wach auf, verdammt noch mal." Vorsichtig strich sie die Schläuche aus seinem Gesicht. „Du darfst mich jetzt nicht verlassen."

„Miss, Sie müssen aus dem Weg gehen.", sanft ergriff einer der Sanitäter ihr Handgelenk. „Kommen Sie mit. Dort vorne werden sich ein paar meiner Kollegen um sie kümmern."
„Nein, ich kann nicht. Er braucht mich!".
Sie konnte hier jetzt nicht weg! Sie musste für ihn da sein, wie sie immer für ihn dagewesen war.
Schon damals, als seine kleinen Hände ihre Finger umschlossen hatten. Als er seine ersten Zähne bekommen hatte. Als er das erste Mal eine Geburtstagsfeier gegeben hatte und sich versehentlich an dem Kuchenmesser geschnitten hatte. Als er sich dem Lehrer widersetzt und sie zur Schule hatte kommen müssen. Als..
„Miss. Sie müssen aufstehen.", der Griff des Sanitäters wurde fester. „Kommen Sie."
„Nein!", energisch riss sie sich los „Er steht bestimmt gleich wieder auf!"
Er war immer aufgestanden. Welche Probleme er auch gehabt hatte, bislang hatte er es immer geschafft aufzustehen. Er würde wieder aufstehen. Jetzt gleich. Nur noch ein paar Minuten….
Er musste einfach aufstehen.
„Warten Sie.", abwehrend hob sie die Hand, als der Sanitäter erneut Anstalten machte sie hochzuziehen und vom ihm wegzuführen. „Er steht gleich wieder auf. Glauben Sie mir, ich kenne ihn doch!"
„Miss, ihr Sohn ist…"
„Sagen Sie es nicht!", hastig sah sie auf ihre Uhr. „Sehen Sie doch, er liegt hier erst seit neun Minuten. Er wird bestimmt gleich die Augen aufmachen!"
Er durfte sie nicht verlassen. Seine Zeit war noch nicht gekommen. Er hatte noch nicht genug gelebt, um von dieser Welt gehen zu können. Er hatte noch so viel vorgehabt. Er hatte die Schule beenden und dann einen Ausbildungsplatz in Angriff nehmen wollen. Er hatte sich eine Wohnung nehmen und heiraten wollen. Sie wäre Großmutter geworden und hätte ihren Enkelkindern im Garten beim Spielen zugesehen, während sie ein paar warme Pullover für den Winter strickte.
Zwei warme Hände legten sich von hinten auf ihre Schultern „Miss, Ihr Sohn ist vor einen Lastwagen gesprungen. Er ist tot. Er wird nicht wieder aufstehen."
Sanft wurde sie hochgezogen. „Kommen Sie mit."
Das war nicht fair. Seine Zeit war noch nicht gekommen. Er hatte noch nicht sterben sollen.
„Er ist nicht vor den Laster gesprungen.", berichtigte sie den Sanitäter „Er ist gestolpert."

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