Der Titel „Wie viel soll man erleben - bis man sich selbst therapiert?" sagt bereits aus, dass es um einen persönlichen Entwicklungsprozess geht, den jeder für sich gehen kann, wenn er die Richtung kennt und dazu bereit ist. Das Buch ist im BOD Verlag, Norderstedt zu bekommen oder unter ISBN 978-3-8370-2085-4
Sissi Arlt, 1956 in München geboren, verheiratet, zwei erwachsene Kinder. Sie lebt mit ihrer Familie wieder in Bayern und war in ihrem beruflichen Leben meist selbstständig tätig. Sie zog mit Ihrem Mann zuerst nach Dachau und dann mit Familie nach Thüringen, um von dort aus dann im Landkreis Roth eine neue Heimat zu finden.
Leseprobe:
Einschulung
Zahnlos, strahlend und nichts ahnend, so begann mein erster Schultag. Bald schon merkte ich, dass die Schule nichts für mich ist. Der Unterricht mag ja für andere ganz interessant gewesen sein, aber ich schlief aus Erschöpfung meist schon in der zweiten Stunde ein. Mir gefiel es in der Schule gar nicht! Die waren doch alle blllööööd …
Mein Kinderarzt bescheinigte meinen Eltern und der Schule, dass ich für die Schule noch nicht geeignet bin (leider nicht, dass ich gar nicht geeignet bin).
Nun, ich hatte anfangs eine liebe Lehrerin namens Ritzinger, die aber eines Tages von uns allen etwas verlangte, was in mir eine moralische Krise auslösen sollte. Meine Mutter holte mich an diesem Tag wie immer von der Schule ab und ich stand bereits heulend auf der Straße, schluchzte und heulte meiner Mutter während der ganzen Fahrt die Ohren voll. Sie bekam aus mir kein Wort heraus und wusste natürlich nicht, wie sie mir helfen kann, da ich ja vor lauter Heulen nichts sagen konnte. Als mir schließlich die Luft wegblieb und ich genügend Kopfschmerzen vom vielen Weinen hatte, beruhigte ich mich soweit, dass ich sagen konnte, um was es denn überhaupt ging. Unter Schluchzen und mit tränenüberströmtem Gesicht verriet ich meiner Mutter, dass ich morgen 50 Pfennig mitbringen müsse, da das Kasperle in die Schule kommt, ich aber ja keine 50 Pfennig habe. Meine Mutter musste so lachen, dass ich die Welt nicht mehr verstand!
Kurze Zeit später wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Mir wurden die Mandeln und Polypen „geklaut", man fütterte mich mit Eis, Nudeln (meine Leibspeise) und Rotbäckchen. Die Folgen, die Folgen - da fragen Sie noch?!? Ich wurde von einem zarten, fast unscheinbaren Püppchen zu einem Monster - oder wie man heute neudeutsch sagt: zu einem „Meatloaf" (Fleischklops).
Nun stand ich wieder in der Schule und sollte alles nachholen, wobei man mich gleich in die zweite Klasse einer anderen Schule steckte. Ich sah ja so aus, als wenn ich das jetzt packen würde. Außerdem konnte man ja nicht zugeben, dass ich die erste Klasse nicht geschafft hätte! Diese Schande in der Straße, um Gottes Willen, was würde denn Frau Sowieso denken bzw. - noch schlimmer - Herr Weiß- nicht- Wer!
Mein leichtes Sto.. Sto.. Stot.. Stotte... Stottern wurde nebenbei bei einem „Fachmann" behandelt. Als Therapie durfte ich nicht an den Prüfungen teilnehmen. Diese Auflage spitze sich so zu, dass meine Mitschüler über meine „Bevorzugung" tierisch erfreut waren und mir zur Strafe auf der Straße mein Dirndl vom Körper rissen und mich in der Unterhose unter dezentem Gelächter heimschickten.
Meine neue Schule war jetzt übrigens im Harthof! Das ist noch ein Stückchen weiter weg von meinem Zuhause. Da ich darauf angewiesen war, mich meistens zur Schule chauffieren zu lassen, war ein Kontakt zu den Mitschülern auch nicht möglich. Selbst in den Pausen war ich meist Außenseiter. Diese Schule wurde zu meiner Freude auch deshalb ausgewählt, weil der Rektor in unserer Straße wohnte und er so einen direkten Einfluss auf mich nehmen konnte.
Wie ich letztens zufällig von einem ehemaligen Mitschüler erfahren habe, besuchten mich meine Klassenkameraden eines Tages und am nächsten Tag mussten sie sich beim Rektor dafür verantworten, weil sie wegen mir kamen und nicht weil sie von meiner Mutter geladen waren. Der ehemalige Mitschüler hatte diesen Vorfall nicht vergessen und sieht ihn heute als amüsante Episode seines Lebens an. Mich bestätigt das Ganze nur in dem Kontrollzwang meiner Mutter mir gegenüber!
Meine Mutter erzählte mir, dass sie bei einem Elternabend von meiner Lehrerin erfahren habe, dass sie (also meine Mutter) als Einzige in der Familie Schnapseier zu Ostern bekäme. Ja, ich erzählte alles, ohne über irgendwelche Konsequenzen nachzudenken. Dass ich meine Mutter zur Alkoholikerin gemacht habe, kam mir nicht in den Sinn. Aber bei der Gelegenheit: Meine Eltern schluckten jeden Abend gern und viel. Angeblich waren sie natürlich keine Alkoholiker. Für meinen Geschmack waren sie jedoch mit ihrer täglichen Flasche Bier zum Abendessen und der anschließenden Flasche Wein zu zweit schon gefährdet. Meine Schwester und meine Oma haben meiner Meinung nach auch zu viel und zu regelmäßig getrunken. Im Gegensatz zu meinen anderen Großeltern, die ich eigentlich nie trinken sah! Das soll aber nicht heißen, dass sie nie getrunken haben. Mir fiel es nur nicht auf.
Eines Tages - ich glaube, ich war bereits 13 Jahre alt - teilte mir mein Vorbild im Sportunterricht mit, dass sie sich umbringen würde wenn sie meine Bindegewebsschwäche hätte. Diese - wie auch so manch andere - Bemerkung stärkte mein Selbstbewusstsein ungemein. So setzte ich mich - wie schon oft - an ein stilles Örtchen und überlegte mir einen positiven Spruch, der mich dann auch prompt wieder positiv denken ließ. Im Positiven Denken war ich mittlerweile durch viele Bücher ein Meister geworden.
Meine Prioritäten begleiteten mich in mein eigenes Schlaraffenland. Ich würde Menschen helfen, indem Lahme wieder laufen und Blinde wieder sehen könnten. Wildfremde Menschen würden mir auf die Schulter klopfen und mir danken.
Mein motiviertes Ego brachte es zu Stande, dass ich immer den falschen Menschen helfen wollte, und die Leute hofften, von mir nicht entdeckt zu werden, um meine Hilfe nicht annehmen zu müssen. Wahrscheinlich wurde ihnen meine hilfsbereite Art sogar zu viel. Das merkte ich zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht, sonst hätte ich mein Helfersyndrom ja bremsen können, denn geistig war ich schon einigermaßen auf der Höhe.
Mit Freundschaften hatte ich es generell schwer, da ich immer im richtigen Moment das Falsche sagte - oder war es im falschen Moment immer das Richtige? Wie Sie wissen, hatte ich nicht viele Versuche, da ich ja kaum Gelegenheit hatte und mit wenig jungen Menschen zutun hatte. Sogar beim Sport sah man mich lieber in der gegnerischen Mannschaft.
Auch in der Familie hatte ich meine Probleme in diesem Bereich. Meine Eltern hatten nämlich, glaube ich, großen Respekt vor mir, denn sie haben vor mir bewusst vieles geheim gehalten. Man bemühte sich immer besonders um mich und wenn ich sagte, dass wir nach links gehen, dann war das Gesetz - ähnlich wie bei meinem Vater. Wenn ich heute darüber nachdenke, erkenne ich, dass ich eigentlich genauso wie mein Vater in diese Rolle geschlüpft bin. Warum mein Vater diesen Wesenszug hatte, weiß ich nicht und ich habe es einerseits von meinem Vater übernommen, aber andererseits wurde ich sicherlich auch dadurch, dass mich meine Familie beschützen wollte, in diese Rolle gedrängt. Meine Mutter erzählte einmal, dass ich im Kinderwagen saß und andere Menschen so ansah, dass sie sich umgedrehten und von mir entzückt waren, als sie mich sahen. Hatte ich damals schon ein gewisses Geltungsbedürfnis? Wenn ich krank war, wurde ein Geschiss um mich gemacht! Mit dieser Zuwendung konnte ich aber gar nichts anfangen und zog mich in mein Schneckenhaus zurück, wodurch sich dann alles nur verstärkte.....