Die Bäckerei liegt im Untergeschoss eines Berliner Bahnhofs - wenn ich in der Stadt bin, frühstücke ich dort
manchmal oder trinke nachmittags Kaffee, und auf der gleichen Ebene die
Kunden-Center von Deutscher Bahn und S-Bahn, eine Snack-Verkaufsstelle, das
WC-Center, die Aufgänge zu den Bahnsteigen. Da unten ist nur Beton, Glas und
Metall, eine blank polierte Welt unter Neonlicht, die man in Eile aufsucht und
wieder verlässt. Doch eine andere Gattung hat sich auf Dauer niedergelassen: Tauben. Nicht der Hund ist der treueste Begleiter des Stadtmenschen, es ist die Stadttaube.
Zwei Exemplare von columba livia forma domestica trippeln im Durchgang vor der Bäckerei auf und ab.
Straßentauben bevorzugen lebenslange Monogamie. Ihr Leben währt nur kurz, zwei
bis drei Jahre, und ist entbehrungsreich und allzeit gefährdet. Die beiden
hier finden den Anblick der Backwaren in der Auslage sehr verlockend. Solange
die Geschäftszeit andauert, versuchen sie, ins Innere des Ladens zu gelangen.
Man gönnt es ihnen nicht. Die Angestellten haben einen schwarzen Keramikraben neben
der offen stehenden Eingangstür postiert. Die Vögel behalten ihn im Auge,
während sie trippelnd vormarschieren, sich an ihm vorbeidrücken. Eines Tages
ist der Rabe fort, vielleicht gestohlen, und das Taubenpaar passiert die Tür
nun rascher.
Die Verkäuferin versucht eine Zeitlang, die Tauben auf dem Fußboden zu ignorieren. Sie hat viel zu tun. Ein
älterer Gast, der gleich hinter der Tür sitzt, zerkrümelt sein Brötchen und
wirft Bröckchen vor die Vögel hin. Sie picken hurtig. Andere Gäste schauen
unmutig drein. Einer ruft laut: „Jetzt sind die Scheißtauben auch hier schon!“
Die Verkäuferin kommt vor den Tresen und fängt routiniert an, die Tauben
aufzuscheuchen: „Ksch, ksch …!“ Dazu maßvolle Armbewegungen, wie bei einer Eurythmie-Vorführung.
Die Tiere sollen nur hinauskomplimentiert, nicht in Panik versetzt werden - nicht
dass sie im Laden herumflattern, auf die Ware koten oder sich im Lagerraum
verirren. Die Tauben wissen Bescheid, man kennt sich. Sie picken noch zweimal
und verlassen dann trippelnd das Lokal, den Hunger kaum gestillt. Hart ist das
Taubenleben.
Wochen später kommt nur noch eine Taube herein, inzwischen wohl verwitwet. Ich bin der einzige Gast und ich
zerkrümele keine Brötchen. Ich mache gleich: „Ksch, ksch …!“ Und ahme jene
eurythmischen Armbewegungen im Sitzen nach. Die vereinsamte Taube scheint ein
wenig erstaunt, sie sieht mich kurz an und trippelt weiter suchend auf dem
Boden herum. Neulich habe ich in der Zeitung gelesen, Tauben merkten sich die
Gesichter der Menschen, die sie verjagen. Wäre mir unangenehm. Ach ja,
Morgenstern und das Huhn in der Bahnhofshalle: dass ihm unsere Sympathie gehört, selbst an dieser Stätte, wo es - „stört“ … Man sollte nicht so viel durcheinander lesen.
Ich sehe noch mal hin. Was ist das? Die Taube trippelt hinkend. Ihr fehlen rechts sämtliche Zehen. Später
werde ich bei Wikipedia lesen: „Der Fuß ist als Sitzfuß ausgebildet und
anisodaktyl, drei Zehen weisen nach vorn, eine nach hinten.“ Hier weist keine
irgendwohin, es ist wie bei einer Uhr ohne Zeiger. Meine Taube hat sich nach
der Radikaloperation (Stachelmanschetten sind grausam) einfach umgestellt und
setzt den Torso als Stelzfuß ein. In mir regt sich etwas. Ich mache nicht mehr
„Ksch, ksch …!“ Aber Brosamen werfe ich ihr doch lieber nicht hin - nicht in
der Bäckerei.