1.
Es war 1:10 Uhr als Arcaine Santana aufstand und ins Arbeitszimmer ging. Er öffnete das Laptop und checkte seine E-Mails. Danach schlurfte er in die Küche während sein PC die neuesten Schlagzeilen im Internet für ihn zusammenstellte. Er stellte eine Tasse unter die Espressomaschine und schaltete sie ein. Während der Kaffee durchlief schleppte er sich ins Arbeitszimmer zurück und schaute zum Fenster hinaus. Der Schneesturm wurde heftiger.
Dies war das erste Mal seit zwei Jahren das er, Judith und die zwei Jungs gemeinsam Urlaub machten. Er hatte die Stelle als Policechief von Tullington nur durch Beziehungen erhalten. An eine Karriere bei der Londoner Metropolice war seit seiner Verletzung aus dem Irak-Krieg nicht mehr zu denken. Daran wurde er immer wieder erinnert wenn das Wetter umschlug. Die breite Narbe an seiner rechten Schulter juckte und schwoll an. Er massierte die Schulter und ging zurück in die Küche und goss reichlich Milch in die Kaffeetasse. Durch den bequemen job in Tullington hatte er reichlich Fett angesetzt und schwitzte bei jeder körperlichen Anstrengung. Er war mitte Vierzig und machte diesen langweiligen Job nun seit acht Jahren. Judith war anfangs nur seine Vermieterin, bis sie sich näherkamen hatte es lange gedauert. Ein Jahr danach haben sie sofort geheiratet. Wohl mehr aus praktischen Gründen statt aus Liebe. Seine dunklen Haare lies er sich stets kurz schneiden um die grauen Strähnen zu verbergen. Er war ruhig und besonnen. Ein Mann der in Notsituationen die Nerven behielt. Er geriet nie in Panik oder reagierte überreizt. Das wirkte auf manche Leute emotionslos und unterkühlt. Aber so war er eben.
Sie wollten noch in der Nacht losfahren um frühzeitig auf der Ferienhütte ihrer Mutter zu sein, wo sie sich endlich erholen und die Jungs Schlitten und Skier fahren konnten. Er wand sich wieder dem Bildschirm zu und schlürfte an der Tasse:
„ERLÖSER“ IDENTIFIZIERT! TÄTER AUF DER FLUCHT! LANDESWEITE SUCHE DURCH SCOTLAND YARD VERANLASST!
Der „Erlöser“ war ein Serienkiller der seit zwei Jahren durch seine ungewöhnlichen Methoden auf sich aufmerksam machte. Er machte die Krankenhäuser im Süden Englands unsicher. Er tötete immer nur schwerkranke Patienten, deren Heilungschancen sehr gering waren. Aber er brachte sie nicht einfach um. Er injizierte ihnen ein selbstentwickeltes Virus welches das Blut noch im Körper gerinnen lies, was laut Aussage der Ärzte eigentlich gar nicht möglich ist. Auf diese weise brachte sie 32 Menschen in zwei Jahren um. Genaueres lies die Polizei und das Scotland Yard nicht verlauten. Da die besagten Patienten ausnahmslos Todeskandidaten waren, gab man ihm den Namen: „der Erlöser“.
Judith kam gähnend hereingeschlurft und umarmte ihn von hinten. Sie schlank, blond und wirkte ein wenig ungepflegt. Sie schrie mit den Kindern mehr als sie mit ihnen sprach und ihre Ausdrucksweise glich der eines Bauarbeiters.
Ungeniert nahm sie seine Tasse vom Tisch und trank daraus. Er hasste das!
An seine Schulter gelehnt las sie den Artikel über den Erlöser:
>>Haben sie ihn endlich erwischt? <<
>>Nein, haben sie nicht! Er ist entkommen. Oder besser gesagt, sie ist entkommen! <<
>> Eine Frau?? << fragte Judith leicht beleidigt.
>> Eine Krankenschwester. Sie hatte Teilzeitmäßig in allen Hospitals gearbeitet. In Plymouth, Oxford, und Brighton. Immer nur Nachtschicht. Am Schluss wurde sie immer unvorsichtiger. Das Yard hatte schon lange jemandem vom Personal in Verdacht. Durch unregelmäßige Schichten war die Überprüfung recht schwierig. Dann hat es auch sehr lange gedauert bis man draufkam, dass die ersten Opfer gar nicht eines natürlichen Todes oder durch ihre krankheit starben. Mehr lässt sich aus den Zeitungen und den mir zugänglichen Polizeiberichten nicht herauslesen. <<
>>Steht ein Name dabei? <<
>>Ja, sie heißt Pamela Ashton. Aber es gibt kein aktuelles Foto von ihr. Überhaupt tritt sie nur sehr wenig in Erscheinung. Keine Auslandsreisen, ständig wechselnde Wohnsitze. Alles sehr merkwürdig! <<
Judith überlies ihm den Rest Kaffee und drehte sich wieder zur Schlaftür, als das Telefon klingelte. Beide sahen sich an und beide wussten, dass ein Anruf zu dieser zeit Ärger bedeutete.
>>Ja, Santana hier! <<
>> Captain? Hier ist Spooner! <<
>>Was gibt´s mein Junge? <<
>> Ich bin mir nicht sicher. Außer mir ist keiner hier. <<
>>Wie? <<
>> Ich hab keine Ahnung? Das Revier ist völlig verlassen. Alles ist verwüstet und……<<
>> Und was??? <<
>> Hier ist eine Frau im Raum II eingesperrt. Die blutet stark. Sieht fast aus als ob sie vergewaltigt worden wäre. Soll ich Hilfe rufen? <<
>>Du rufst niemanden an bevor ich mir die Sache nicht selber angesehen habe. Ich bin in zwanzig Minuten da.<<
Santana legte auf und die Stirn in Falten. Judith verdrehte die Augen und sah ihren gemeinsamen Urlaub den Bach runtergehen.
Santana wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und als er sich umzog massierte er seinen rechten Arm und betrachtete seine Narbe. Sie juckte heftiger als jemals zuvor und nässte sogar etwas. Er sah auf die Uhr: 1:45 Uhr.
Er zog den viel zu großen Winterpulli über seinen Rolli, schlüpfte in die Stiefel und nahm seine Winterjacke vom Hacken. Als er die Schlüssel vom Board nahm, fiel sein Blick auf seine Reservistenkiste im oberen Regal. Er wuchtete das Ding herunter und wühlte zwischen Kampfanzügen und Galauniformen eine Zigarrenkiste zwischen den Unterhemden hervor. Er öffnete die Kiste schwermütig und schaute auf eine schwarzmetallene Army-Pistole und ein voll bestücktes Magazin daneben. Er hatte die Waffe einem toten irakischen Offizier abgenommen und schmuggelte sie als mit nach England. Seine Dienstwaffe lag natürlich verschlossen im Revier. Wieder fielen ihm die letzten Worte von Spooner ein.
Darauf steckte er das Magazin in den Griff und verbarg die Waffe in der Jackentasche. Das Gewicht der Pistole in seiner Tasche beruhigte ihn. Als er zu seinem Wagen lief, hielt der Sturm weiterhin an.
3.
Erst nach einer halben Stunde schaffte es der alte Volvo vor dem Revier einzutreffen. Santana stieg aus und kontrollierte die Privatwagen vor dem Eingang. Er kannte alle drei Wagen. Sie gehörten seinen Mitarbeitern. Demnach mussten alle heute ihren Dienst angetreten haben. Alle drei waren gleichmäßig eingeschneit.
Der Wind peitschte ihm ins Gesicht bis er endlich die Tür erreichte und sie mit Schwung aufmachte und danach gleich wieder zudrückte. Das Licht in der Stube war gedämpft denn der Raum wurde lediglich durch die laufenden Computerbildschirme erhellt. Er klopfte den Schnee aus den Haaren und betätigte den Lichtschalter. Die Neonröhren gaben ein leichtes brummen von sich und sprangen dann nacheinander an. Auf den ersten blick sah alles aus wie immer.
>> Hallooo!! <<
Keine Antwort. Satana war allein.
>> Spooner?? Sind sie da? <<
Stille!
Er ging an den Schreibtisch von Sergeant Wallace, seinem zuverlässigsten Mitarbeiter und inoffiziellen Stellvertreter, verschob die Mouse um so den Bildschirmschoner mit dem digitalen Aquarium zu entfernen. Der Monitor flackerte und zeigte einen angefangenen Bericht seines Kollegen mit dem heutigen Datum. Er zog die Jacke aus und stützte sich mit fragender Mine auf die Schreibtischplatte als ihm ein paar dunkle Miniflecken am oberen Bildschirmrand auffielen. Er wischte mit dem Daumen darüber, aber das rotbraune Zeug war bereits getrocknet:
„Könnte Kaffee sein!“ war sein erster Gedanke. Dann fiel sein Blick auf den zweiten Schreibtisch der ein paar Meter weiter neben Wallace stand. Darauf stand ein mobiler Gesichtsbräuner. Angeschlossen an der Steckdose flackerten die UV Lampen unruhig hin und her.
„ Dieser eitle Fatzke! Der soll hier arbeiten und kein Privatsolarium betreiben. Als nächstes stellt er sich noch ne kleine Sauna hin.“
Diese Gedanken galten dem Constable Percival Blackstone. Dem Macho vom Dienst.
Ein junger Kerl, der penibel auf seinen Feierabend achtete und überhaupt nicht einsah mit den Kollegen den Dienst zu tauschen, wenn sie Termine oder Verabredungen hatten. Fußball und abends mit den Kumpels durch die wenigen Pubs ziehen. Das war für ihn das Größte. Er achtete auf seine Figur und war Regelmäßig im Fitnesscenter. Er lies sich meist mit nacktem Oberkörper fotografieren, was ihm allerdings keinerlei Frauenbekanntschaften einbrachte. Eine feste Freundin hatte er schon seit zwei Jahren nicht mehr. Seine Ansprüche waren sehr hochgeschraubt, was auch sein sonstiges Liebesleben negativ beeinflusste. Der alte aufgemotzte Sportwagen, den ihm sein Vater bezahlte rundete das Bild ab. Dieses ganze Verhalten lies seine Kollegen und Freunde nur zu einem Schluss kommen: Er war schwul, aber sich dessen noch nicht bewusst!
Santana knipste die UV-Lampen aus. Er ging zu seinem Tisch und klickte die Kameras an.
Die Polizeistation war im zweiten Weltkrieg ein Stützpunkt des Geheimdienstes gewesen und ein Andenken an diese Zeit war dem Haus erhalten geblieben.
Im Erdgeschoss befanden sich Büro, Abstell- und Aufenthaltsraum aber der Keller hatte eine Besonderheit.
Dort unten befanden sich zwei ehemalige Vernehmungsräume der britischen Spionageabwehr. Beide Räume waren schallisoliert und von Außen mit Bleiplatten verkleidet. Statt einer Gittertür besaßen sie eine Stahltür, die nur von außen geöffnet werden konnte, sowie ein großes Panoramafenster, das einen großen Teil der Zelle ausfüllte. Ein Außenfenster gab es nicht. Nur die Neonröhrenbeleuchtung. Sprechen mit den Gefangenen war nur über eine Gegensprechanlage möglich. Beide Räume dienten jetzt praktischerweise nur noch als Ausnüchterungszellen. Innerhalb befanden sich eine Metallpritsche, ein Stuhl, ein einfacher Tisch, eine Kloschüssel und ein kleines Waschbecken. Die beiden Kameras, die vor den Fenstern angebracht waren sendeten das Bild direkt auf den Computerbildschirm von Santana. So musste er nicht ständig die Steinstufen nach unten rennen um zu kontrollieren.
Mit Hilfe des Scrollers richtete er die Kamera von Raum I aus. Er war leer. Dann schaltete er auf Raum II um und stutzte. Die Zelle war leer. Aber auf dem Boden an der Seite war ein fußballgroßer Fleck und vor derZelle stand ein apathisch wirkender Spooner und nickte immer wieder, als wenn er sich mit jemandem unterhalten würde.
„ Was ist denn hier nur los? Da stimmt doch was nicht!“
Er ging zur Kellertreppe und steckte seine Hand in die Tasche mit der Pistole:
>> Spooner!? Sind sie da unten? Spooner! Antworten sie, verdammt!!<<
>> Ja, Captain! Ich bin hier. Ich komme sofort! Gott sei dank! <<
4.
Spooner, ein bleichgesichtiger, spindeldürrer, junger Mann mit hervorstechenden Augen, die ihn immer ein wenig unsicher wirken ließen, rannte nach oben und fiel Santana fast in die Arme.
Er war der Frischling in der Truppe und über die Maßen ehrgeizig. Er sägte eindeutig am Stuhl seines Chefs.
>> Ich …ich hatte schon angst, dass sie gar nicht kommen. Ich versteh das alles nicht. Wo sind die beiden denn nur? <<
>> Haben sie versucht, sie über Funk zu erreichen? <<
>> Funk, Handy; alles was wollen. Nichts!!!<<
Santana fuhr sich durch die Haare: >>Ich verstehe das nicht! <<
Dann fragte er: >> Haben sie das Blut gesehen? <<
Santana nickte. Dann fasste er sich:
>> Setzten sie sich ans Telefon und ans Funkgerät. Die können nicht weit weg sein. Vielleicht ein Notruf in der Nachbarschaft.<<
Das Revier lag am Hafen umgeben von alten Fabrikgebäuden. Hier war es sehr ruhig. Nur ein paar alte verrostete Fischkutter wiesen darauf hin, dass dieser Hafen mal ein flureierndes Geschäft war. Jetzt war es nur noch eine verwaiste Anlegestelle, die von niemandem mehr benutzt wurde.
Spooner setzte sich zusammen mit Handy an die Funkanlage und fragte abwechselnd über den Funk und übers Telefon nach seinen verschollenen Kollegen.
Santana ging zur Hintertür und überzeugte sich das alle vier Streifenwagen auf dem Hof standen. Dann setzte er sich vor Wallace Computer und begann den Bericht zu lesen den sein Kollege angefangen hatte. Er war für Wallace Verhältnisse ungewöhnlich sachlich geschrieben, was Santana in Anbetracht der Situation die er beschrieb aufhorchen lies. Er überflog den Bericht und blieb an ein paar Passagen hängen:
…UNBEKANNTE FRAU AUS DEM UMGESTÜRZTEN AUTOWRACK GEZOGEN…………… BEWUSSTLOS…………………TRÄGT EIN BLAUES VERSCHMUTZES ARBEITSKLEID, VERMUTLICH ALTENPFLEGERIN ODER KRANKENSCHWESTER……………
Dann kam der Abschnitt, der Santana die Farbe aus dem Gesicht trieb:
…………………MESSINGFARBENES NAMENSSCHILD AM REVER: SCHWESTER PAMELA.
Er stürmte zum Schreibtisch zurück und betätigte noch mal den Scroller für die Zellenkamera. Er zoomte näher auf den dunklen Fleck.
Santana drehte sich zu Spooner: >> Sie waren doch vorhin unten. Wissen sie was das für ein Fleck da unten ist?<<
>>Nicht wirklich! << antwortete der unsympathische junge Mann ohne vom Funkgerät aufzusehen. Durch so ein Verhalten versuchte er Santana ständig zu provozieren. Er gab außerdem immer nur so viel Information raus wie es erforderlich war.
Santana fragte weiter: >> Haben sie den Bericht von Wallace gelesen? <<
Ein überlegenes >> Nein<< kam aus der Ecke des Funkgerätes, während der Sturm weiter draußen tobte.
>>Er schreibt hier von einer Frau, die er auf dem weg hierher aus einem Unfallwagen gezogen hat. <<
>> Ja, ich hab sie gesehen!<<
Santana verlor die geduld: >> Könnten sie mich vielleicht ansehen, wenn ich mit ihnen rede, Constable! <<
Erschrocken wirbelte Spooner herum und stotterte verwirrt: >>Natürlich, Sir! Entschuldigen sie bitte! Sie ist übel zugerichtet. Wallace hat sie notdürftig versorgt, nehme ich an. Wenn die Strassen wieder frei sind müssen wir den Krankenwagen rufen. <<
Santana starrte auf den Bildschirm, zoomte wieder zurück und schüttelte den Kopf.
>>Aber da ist doch niemand drin. <<
>>Doch! Eine Frau! Sie sitzt ganz in der Ecke. Da kommt die Kamera nicht genau hin. <<
>>Reden sie doch keinen Mist. Ich hab die Zelle doch vor mir. Da ist niemand. <<
>> Vielleicht spinnt die Kamera. Hab doch eben noch selbst mit ihr gesprochen. <<
>>Das schau ich mir an. <<
Santana zog die Jacke aus und steckte sich die Automatik in den Rücken bevor er die Steinstufen mit gemischten Gefühlen und sich immer wieder umdrehend nach unten stieg. Er war während des Irakkriegs mehrere Stunden in einem Bunker eingeschlossen. Seit dem mied er den Keller und die Zellen soweit es ging.
Als er die letzte Stufe nahm schaute er erst in Zelle I.
Sie war leer!
Dann schaute schritt er langsam um die Ecke in die zweite Zelle, und da saß sie.
5.
>> Hey, Miss! Können sie mich hören? <<
Santana schaltete die Gegensprechanlage auf „On“ und wartete auf eine Antwort.
Auf der Metallpritsche saß eine zierliche Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren, welche ihr wirr im Gesicht hingen. Sie war extrem schlank aber sportlich. Als er mit den Augen an ihren Beinen herunter fuhr fiel ihm gleich das langgezogene Muttermal an ihrer linken Wade auf. Ihre dunklen Augen strahlten eine Faszination und Dominanz aus, der Santana sich nicht entziehen konnte( genau wie bei Petra Schwarz). Sie zog ihn in ihren Bann. Flashbacks von verborgenen Leidenschaften liefen vor seinem geistigen Auge ab. Aber er hatte den Eindruck dass sie diese Bilder in seinen Kopf projizierte.
Arme und Beine hatte sie weit von sich gespreizt wie bei einer Entspannungs- oder Yogaübung. Eine Wolldecke lag neben ihr. Sie trug immer noch das blaue Arbeitskleid und das messingfarbene Namensschild. Sie schien zu schlafen.
Santana zog sich einen Stuhl ran und wiederholte seine Frage:
>> Madame, verstehen sie mich? <<
Keine Reaktion.
Santana blickte verunsichert auf den dunkelbraunen Fleck am Eingang. Er brauchte die Substanz nicht zu näher zu betrachten. Er hatte solche Flecken im Krieg zu oft gesehen.
>> So ist sie schon die ganze Zeit! <<
Santana hatte nicht gemerkt, dass Spooner die Treppe runtergekommen war, und hob überrascht den Kopf.
>> Steht sie unter Drogen? << hackte Santana nach.
>> Kann ich nicht sagen. Aber ich denke, dass es eher der Schock vom Unfall ist. <<
>> Könnte sein! <<
Spooner war nervös und fragte: >>Haben sie ihren Schlüssel dabei? <<
>>Ja! Warum? <<
>>Na, ich finde, wir sollten nachsehen wie es ihr geht. Außer ihnen und Wallace hat von uns keiner einen Schlüssel. <<
Die Stahltür zur Zelle lies sich nur von außen öffnen und außer dem Captain und seinem Stellvertreter hatte niemand einen Schlüssel.
Spooner begann Santana zu bedrängen: >> Geben sie her. Ich sehe mal eben nach ihr. <<
Spooner griff nach Santana´s Schlüsselkette, als dieser seine Hand ergriff:
>> Pfoten weg! Sie werden hier keine Türen aufmachen bevor ich nicht ein paar Antworten habe. <<
Gereizt hämmerte Santana gegen die Fensterscheibe und erzeugte endlich eine Reaktion.
Ein leichtes Zittern ging durch ihren Körper, als wäre sie gerade geweckt worden. Sie hob den Kopf, aber durch ihre Frisur waren nur die zwei reflektierenden Augäpfel zu sehen.
>> Was iss? << waren ihre ersten Worte.
Ihre heisere Stimme jagte seinen Testosteronspiegel in ungeahnte Höhen.
Santana räusperte sich: >> Wer sind sie? <<
Mit einem unverschämten Nicken tippte sie mit dem Zeigefinger auf ihr Namensschild:
>>Steht da drauf! <<
>>Ich brauche ihren vollen Namen. <<
Jetzt erkannte Santana den Anflug eines Lächelns: >> Können sie sich das nicht denken, sie lesen doch bestimmt Zeitung. <<
>> Sie sind Pamela Ashton. <<
>>Bingo! <<
Spooner trat vor Santana: >> Wer, zur Hölle, ist Pamela Ashton? <<
Als Santana antworten wollte, fiel ihm die Frau ins Wort:
>>Im Moment, bin ich die meistgesuchteste Person in Südengland. Der „Erlöser“. <<
Santana bestätigte nickend.
>> Na, da haben wir einen richtig großen Fang gemacht. << entfuhr es Spooner mit Freuden.
>> Gehen sie nach oben und versuchen sie das Yard zu kontaktieren! Die sollen einen Wagen schicken! <<
>> Was machen sie solange? <<
>> Ich werde mich noch ein wenig mit unserem Gast unterhalten. <<
Betreten stieg Spooner wieder nach oben.
>> Sie scheinen etwas nervös zu sein, Capt. Santana. << bemerkte Pamela beiläufig.
>> Woher wissen sie……. <<
>> Habe ich oben auf dem Dienstplan gelesen. <<
>> Seit wann sind sie hier? <<
>> Keine Ahnung! <<
>> Was ist das für ein Fleck auf ihrem Hemd? <<
>> Was denken sie denn, was es ist, Caine! <<
>> Hören sie auf mit diesen Spielchen! Wo sind meine beiden Constable? <<
Sie zuckte lachend mit Schultern: >> Also, wenn sie es nicht wissen. <<
Woher kannte sie seinen Vornamen? Der stand nicht auf dem Dienstplan? Auch nicht, dass er von den meisten mit Caine abgekürzt wurde.
„ Sie versucht dich zu irritieren. Das sind irgendwelche Tricks aus dem Psychoseminar. Lass dich nicht aus dem Konzept bringen!“
Unbeirrt fragte er weiter: >> Sie hatten einen Unfall? <<
>>Hab wohl nen Moment nicht aufgepasst. <<
>> Ist das ihr blut! << er zeigte auf den Fleck auf ihrer Brust: >> Brauchen sie einen Arzt? <<
>> Keine Sorge. Ist nicht meins! <<
>> Wessen dann? <<
>> Raten sie mal! Vielleicht gehört es einem ihrer Schosshündchen? <<
>> Wo sind meine Leute? <<
>> Kommen sie doch rein. Dann erklär ich es ihnen! <<
>> So kommen wir nicht weiter, Miss Ashton. Ich will ihnen nichts antun. Soll ich jemanden informieren? Ehemann? Geschwister? Kinder? <<
>> Danke! Nein! <<
>> Wollen sie darüber sprechen? <<
>> Worüber ? <<
>> Über diese Anschuldigungen. <<
>>Weiß nicht! <<
>>Wollen sie einen Kaffee? <<
>>Danke! Hab schon genug getrunken. <<
Spooner kam wieder die Treppe runter und bestätigte den Anruf beim Yard:
>>Die schicken einen Wagen, sobald die Strassen passierbar sind. Hat sie was gesagt? <<
>> Red nicht so, als wäre ich nicht anwesend, du Köter! <<
Santana sprang vom Stuhl hoch. Plötzlich stand die Frau dicht vor der Glasscheibe und ficht den jungen Beamten an. Sie war so schnell, dass Santana sie nicht hatte kommen sehen.
„ Köter! Was für ein seltenes Schimpfwort. Klingt fremdländisch!“ dachte Santana.
Er machte eine beschwichtigende Handbewegung und die Frau setzte sich wieder. Sie raffte die Haare zusammen und schüttelte sie nach hinten.
Ihre hohen Wangenknochen färbten sich langsam rosa. Sie war ein bild von einer Frau. Kein Junkie mit dicken Augenrändern, wie Santana es erwartet hätte.
Auch ihre Pupillen reagierten nicht wie bei einem Drogenkonsumenten. Im Gegenteil. Im Neonlicht zogen sie sich auffallend eng zusammen. Fast wie bei einer Katze. Ihre schmalen Lippen legten blendend weiße Zähne frei.
6.
Santana stapfte schweigend zusammen mit Spooner die Treppe wieder hoch und setzte Kaffee auf. Während die Maschine vor sich hin brodelte versuchte Spooner monoton weiter versuchte Wallace oder blackstone per funk zu erreichen.
Santana stellte die Tasse unter den Auslauf und schüttete dann ordentlich Trockenmilchpulver hinein. Dabei glitt sein Blick immer wieder durch das Revier. Dieser Stil in dem Wallace seinen Bericht geschrieben hatte. Die gleichgültige Art mit der Spooner den Funkruf ins Mikro hauchte machte ihn rasend. Es schien Spooner egal zu sein ob er jemandem erreichte. Dann ging er zum Monitor für die Zellenkameras zurück. Raum II schien immer noch menschenleer zu sein. Er klopfte leicht gegen den Bildschirmrand und das Bild flackerte kurz:
„Versteh ich nicht!“
Richtig unheimlich wurde es als sich der Stuhl in der Zelle wie von Geisterhand nach hinten geschoben wurde.
>>Haben sie das gesehen? << die frage schoss regelrecht aus Santana heraus.
>> Was denn? <<
>>Ach, schon gut! Ich hätte vielleicht doch ein wenig schlafen sollen. <<
Er nahm den Kaffee und ging dann wieder nach unten.
Pamela Ashton hatte auf dem Stuhl am Tisch Platz genommen und schien sich von mal zu mal mehr zu erholen.
Santana nahm einen kräftigen Schluck und setzte sich ebenfalls:
>> Warum haben es getan? <<
>> Was? <<
>> Fragen sie nicht so dämlich. Diese ganzen Menschen. Warum haben sie sie getötet? <<
>>Nett, wie sie das sagen! <<
>>Was? <<
>> Sie sprachen von „töten“ und nicht vom „ermorden“, wie die anderen! <<
>> Also, warum ? <<
>>Weshalb wollen sie das wissen? Warum haben sie irakische Soldaten getötet? <<
>>Weil es nicht anders ging? <<
>>Sehen sie! Da haben sie ihre Antwort. <<
>>Hatten sie eine persönliche Beziehung zu diesen Leuten? <<
Laut schallend warf sie den Kopf in den Nacken:
>> Wenn sie sich nur selber reden hören könnten, Caine! Hat ein Schlachter eine persönliche Beziehung zu den Schweinen die er umbringt? Es war einfach notwendig. Sie verstehen das nicht! <<
>> Ich würde es gern verstehen. <<
>> Wissen sie, Capt. In der Zeitung und in den Nachrichten bringen sie natürlich nur die halbe Wahrheit. Ich bin einfach unvorsichtig geworden in den letzten Jahren. <<
>> Das hört sich an, als wenn sie die letzten zwei Jahre nur die Spitze des Eisberges waren. <<
>> Von Wie vielen Opfern schreiben denn, diese Pisser! <<
>> 32. Waren es mehr? <<
>>Das können sie wohl annehmen? <<
>> Wie viel? <<
>> Mann, ehrlich, ich keinen blassen Schimmer. Ein paar hundert. Wen interessiert das schon. <<
Sie machte ihm etwas vor. Wollte angeben. Doch ihre dominante Ader reizte ihn.
>> Ich würde immer noch gern wissen warum? Und… warum so viele? <<
>> Weiß ein Schlachter wie viele Tiere er in seinem Leben geschlachtet hat. <<
>> Warum immer wieder dieser hinkende Vergleich mit dem Schlachter? <<
>> Weil er äußerst passend ist. Diese Einstellung hat mich davor bewahrt durchzudrehen. Am Anfang wenigstens. Mittlerweile ist es mir egal. <<
>> Kannten sie die Opfer? Haben sie sie nach bestimmten Kriterien ausgesucht? <<
>> Nun reden sie wieder, wie die anderen Idioten. Schade, dachte unsere Unterhaltung könnte interessant werden. <<
>>Wir sind immer noch bei der „Warum“-Frage.<<
>> Um zu überleben! <<
>> Waren sie in denn in Gefahr? <<
>>Nicht mehr als sie im Krieg, bevor sie diese Dorfschlampe geschwängert haben. <<
>> Was? <<
>> Na, Judith, ihre Frau! <<
Santana räusperte sich. Er wusste, dass die Leute im Ort früher über Judith in dieser Weise herzogen. Das war ein offenes Geheimnis. Aber es wurde nie darüber gesprochen.
Santana nahm das Gespräch wieder auf: >> Sie denken also, dass sie sich in einem Krieg befinden, Miss Ashton? <<
>>Hören sie auf mit mir zu reden, als wäre ich so ne durchgeknallte Amokläuferin. <<
>>Aber…… <<
>> Ich hatte einfach Hunger, verfluchte Scheiße! <<
7.
>> Hunger??? <<
„Ist sie vielleicht so ein kleiner Hannibal Lector?“
Ihre Augen fixierten ihn:
>>Nein, Capt. Ich habe weder zuviel Thomas Harris gelesen und wie Anthony Hopkins sehe ich ja wohl auch nicht aus. <<
„ Sie wusste es. Sie wusste woran ich dachte. Das gibt´s nicht.“
>> Um sie zu durchschauen, muss man nun wirklich kein Hellseher sein. <<
>> In welchem Zeitraum haben sie wie viele Menschen getötet? <<
>> Kann ich nicht sagen! Ist schwer abzuschätzen. Kommt immer darauf an, wie ich mich verausgabe. Mal zehn in zwei Wochen. Mal Fünf in einem Jahr.<<
>> Wie haben sie es gemacht? In der Zeitung steht, dass sie ihnen ein Virus injiziert haben. <<
>> Das ist sehr vereinfacht ausgedrückt. <<
>> Sie schreiben, es wäre ein von ihnen persönlich entwickeltes Virus, dass sie den opfern gespritzt haben. <<
>> Ich bin ne einfache Krankenschwester, kein gottverdammter Frankenstein. <<
>> Sie schreiben, dieses Virus lässt das Blut der Opfer augenblicklich gerinnen. <<
Sie kratzte sich an den verschwitzten Haaren und rieb sich die tiefdunklen Augen:
>> Todesursache war nicht die Blutgerinnung sondern der Blutverlust. Der Quatsch mit der Gerinnung hat sich die Polizei für die Presse ausgedacht. <<
>>Dann haben sie ihre Opfer ausbluten lassen? <<
>> Wenn sie es so nennen wollen! <<
>>Ich hab die Tatortfotos gesehen. Viel Blut war da nicht. Außer auf dem Kopfkissen. Das war bei allen Opfern gleich. Es war der erste Hinweis auf einen Serienmörder. Was haben sie mit dem Zeug gemacht? <<
Sie schob ihren Oberkörper bedrohlich nach vorne und sah ihm genau in die Pupillen.
>> Vorrat! Captain! Vorrat! <<
>> Vorrat?? Sie…..sie trinken das Blut? <<
>> Na was denn sonst! <<
Kopfschüttelnd rieb sich Santana die Nasenflügel und grinste in sich hinein. Als er wieder hochsah fiel sein Blick wieder auf den dunklen Fleck in der Ecke. Täuschte er sich oder war die Lache größer geworden. Ach Quatsch!
>> Dann glauben sie, dass sie so was wie ein Vampir sind? <<
>> Was glauben sie denn, was ich bin? <<
>>Zugegeben, sie scheinen eine Menge zu wissen und haben offensichtlich einige Unruhe in das Revier gebracht. Aber das kann jeder zweitklassige Hypnotiseur auch. Verwandeln sie sich doch einfach in eine Fledermaus und fliehen durch die Lüftungsklappen.<<
>> Keine Ahnung welcher zugekiffte Autor sich diesen Schwachsinn ausgedacht hat, aber um gleich die nächste Fragen aus der Welt zu schaffen: Kreuze, Silber und Knoblauch gehört in die gleiche Kategorie wie dieser Nachtfalterscheiß. <<
>> Ein bisschen Wahrheit steckt aber doch in jeder Legende. Wenn die Ermittler vom Yard gleich kommen wäre es besser für sie wenn sie ihre Story auf Unzurechnungsfähigkeit etwas überzeugender rüberbringen. Zurück zu meinem eigentlichen Problem. Was ist hier passiert? Und wo sind meine Männer??? <<
>> Lassen sie mich hier raus, Caine. Dann erklär ich ihnen alles. Die Leute vom Yard werden ohnehin nicht kommen. Niemand wird kommen! <<
>>Seit wann glauben sie denn, ein Vampir zu sein? << ein derartiges Verhör hatte er noch nie geführt. Er kam sich einfach nur lächerlich vor, was auch an seinem sarkastischen Tonfall deutlich zu hören war.
>> Eventuell finden sie etwas über meine Vergangenheit in alten Schriften aus dem Jahr 1666. <<
>> Warum gerade dort? <<
>>Der große Brand. Ich war damals ne richtige kleine Heldin. Ich dachte, der liebe Gott gibt mir mein altes Leben zurück, wenn ich nur genug für meine Nächsten tue. Aber das war ein Irrtum. Ich bin der Letzte meiner Art. Ich ziehe regelmäßig alle zehn Jahre in eine neue Stadt oder direkt in ein anderes Land. Dann lebe ich zurückgezogen vor mich hin. Ich vermeide persönliche Kontakte. <<
>>Was ist mit Liebe? Haben sie nicht manchmal Sehnsucht nach jemandem der…<<
>>Kann es sein, dass sie Liebe mit Lust verwechseln, Captain?
Liebe ist ein Trugschluss und schafft nur noch mehr Leiden. Verstehen sie nicht, ich bin vom Tod umgeben. Ich bin die letzte. Alle Menschen um mich herum altern im Zeitraffer hinweg. Ich hingegen sehe immer noch taufrisch aus. Irgendwann wurde das Jagen in der Öffentlichkeit zu gefährlich, da habe ich mich auf Krankenhäuser und vor allem Altenheime spezialisiert. Meine Erfahrung übertraf alle Erwartungen. Ich wäre bestimmt auch als Arzt durchgegangen. Aber das hätte zuviel Aufmerksamkeit erregt. Ich hab mir nur Todeskandidaten ausgesucht. Manche von denen waren richtig glücklich als ich sie erlöste. Die Männer hat der Biss immer besonders erregt. In der Beziehung seid ihr alle gleich. Wie ist das bei ihnen. Lieben sie ihre Frau?<<
>>Natürlich! <<
>>Wann haben sie ihr das zum letzten Mal gesagt? <<
>> Gestern Abend, glaube ich. <<
>>Blödsinn, Caine. Sie haben gesagt: Ich hab dich lieb.
Das bedeutet nichts. Ich hab dich lieb, sagt man auch zu seinem Hund oder Katze. Wenn sie den Satz aber etwas umstellen und das Wörtchen >>habe<< weglassen, dann gewinnt diese Aussage an Kraft: Sie kann dann zu einer Waffe werden mit der sie Menschen ins Verderben stürzen, oder sie an den Rand des Ruins bringen. Sie können damit Länder und Regierungen zerstören……… oder einfach die schönste Zeit ihres Lebens haben.<<
>> Was ist mit Spiegeln? <<
>>Ja !!! Das ist ein echtes Problem. Vor allem wenn es um Führerscheine und Ausweise geht. <<
>> Warum? <<
>> Weil eine Kameralinse auch so was wie ein Spiegel ist, Arschloch!
Finden sie erst mal einen einsam Verstorbenen bei einem Unfall der ihnen zum verwechseln ähnlich sieht, um dann seine Identität anzunehmen. Das hat Jahre gedauert. Noch dazu können sie nicht achtzig Jahre oder länger mit denselben Papieren herumrennen. <<
Santana dachte an den Überwachungsmonitor, auf dem sie nicht zu sehen war. Dann dachte er an Spooner, dem das alles nicht aufgefallen war. Was sagte Spooner als er ankam: „ Vielleicht spinnt die Kamera! Hab doch eben selbst mit ihr gesprochen!“
„Gesprochen?? Worübr; zum Teufel hat er mit ihr gesprochen??“
Aus den eingefallenen Augen blitzte sie ihn an:
>>Es wird wärmer, Caine! Sie kommen der Lösung immer näher! <<
Sie begann zu summen: Strangers in the night von Sinatra, und schaukelte dabei auf dem Sitz hin und her. Dann ging ihr summen in Lachen über, immer lauter.
Ihre Reibeisenstimme schallte durch den ganzen Raum und jede weitere Frage von Santana ging in diesem Schallen unter.
Santana kickte seinen Stuhl in die Ecke und ging nach oben, während Pamela ihm grölend hinterher rief:
>>In jeder Legende steckt auch ein Stück Wahrheit. Du musst es nur finden, kleiner Caine. Denk mal drüber nach. Deine Leute sind immer noch hier. Sie haben das Revier nie verlassen.<<
8.
>> Spooner!? Spoooner?! Wo sind sie? <<
Der Platz an Spooners Schreibtisch war verwaist. Santana warf einen Blick nach draußen. Der Schneesturm hatte nachgelassen. Kein Auto auf der Strasse. Die Fenster waren alle dunkel. Eine depressive Landschaft, beinah schon postapokalyptisch.
Keine Zukunft, keine Hoffnung. Leise rieselt der Schnee.
Es war 3:45 Uhr. Der Schneepflug würde bald kommen und dann würde dieser Alptraum ein Ende haben. Er hatte etwas Entscheidendes übersehen, aber was? Was hatte die Frau gesagt: Die Männer haben das Revier nie verlassen. Aber wo zur Hölle waren sie? Santana war mit einer ganz bestimmten Absicht hierher gelockt worden. Da war er sicher. Sie musste Hilfe haben. Von wem? Spooner?! Aber warum! Natürlich war sie kein Vampir. Sie war einfach nur total durchgeknallt.
Er setzte sich an den PC und klickte mit der Maus die digitale Kameraaufzeichnung an. Er wählte den Zeitraum von vor zwei Stunden. Es muss eine Erklärung für das alles hier geben. Es war nichts zu finden. Der Bildschirm war schwarz. Vielleicht hatte er beim Eingeben einen Fehler gemacht, was nicht das erste Mal wäre.
War Spooner draußen. Holte er Hilfe. Warum hat er nichts gesagt? Wo war der Fehler in seinem Denkapparat? Er starrte die Autos der beiden Vermissten an. Verschwommen fielen ihm Bruchstücke von seinem Telefonat mit Spooner wieder ein. Danach ihr erstes Gespräch und dann Santanas Ankunft und auf einmal wusste er es:
>> Die Autos!!!!!! <<
Ohne zu zögern oder sich etwas überzuziehen war er rausgestürmt und räumte fieberhaft den Schnee von den Wagen.
„ Spooner sagte, dass er erst vor einer halben Stunde hier angekommen war. Aber sein Auto hatte die gleiche menge Schnee auf dem dach wie die anderen. Er war also schon länger da.
Dann der Bericht von Wallace. So sachlich und korrekt würde Wallace sich nie ausdrücken. Wie oft hab ich seine Berichte schon überarbeiten müssen. Dieser Bericht stammte niemals von ihm. Die fehlenden Aufzeichnungen. Das war kein System- oder Eingabefehler. Die Aufnahmen waren gelöscht worden.
Blackstones wagen war frei. Durch die vereisten Scheiben konnte nur schattenhaft etwas erkennen. Da lehnte etwas aufrecht auf dem Fahrersitz. Die Tür war entweder zugefroren oder abgeschlossen. Er nahm den Griff der Pistole und schlug zu. Mit einem Knall zersplitterte die Scheibe in lauter kleine Kristallkrümel. Keuchend stützte sich Santana auf den Fensterrahmen. Die Gestalt auf dem Sitz war Blackstone. Augen und Mund standen weit offen. Frostbeulen hatten sich auf der braunen Gesichtshaut gebildet. Eiskristalle hingen in seinen gefrorenen Haarsträhnen. Aber ein Vampir war das nicht. Auf seiner Stirn war ein kleines Loch. Sein Hinterkopf klebte an der Nackenstütze. Als Santana ihn an der Schulter vorsichtig nach vorne kippte, wurde sein Kopf durch die festgefrorenen Haare an der Kopfstütze gebremst. Es gab ein ziehendes Geräusch, als wenn ein Tapetenstreifen von der Wand gezogen wird. Sein Kopf fiel auf das Lenkrad. Ein Teil seiner hinteren Schädeldecke klappte zur Seite, wie ein herunterhängender Deckel. Der freiliegende Teil seines Gehirns hatte sich mit Blut gefüllt und schimmerte im fahlen Licht der Straßenlaterne.
„ Spooner, du verdammter Schweinehund . Warum nur? Warum hast du das getan? Was hat dir dieses Miststück versprochen?“
Auf der Rückbank lag eine Decke. Langsam, als wollte er ihn nicht noch mehr verletzen, legte er die Decke über den toten Constable. Wie oft hatten sie sich über ihn lustig gemacht. Hinter seinem Rücken getuschelt. Und nun lag er hier, einsam und verlassen in der Kälte und niemanden kümmerte es. Armer Junge!
Keiner von uns sollte so sterben. Niemand sollte in so einem Augenblick alleine sein.
Er krallte die Finger in den Fensterrahmen bis Blut von den Splittern hervorquoll. Er schaute auf seine Handflächen und rieb sie im Schnee ab. Als er die Flecken im Schnee betrachtete wurde ihm klar, dass die schrecken dieser Nacht noch nicht vorbei sein konnten.
Entschlossen entsicherte er die Pistole und ging ins Revier zurück. Er positionierte sich vor die Tür und trat sie mit dem Fuß auf. Die Waffe in Vorhalte sah er sich um. Alles war unverändert. Sein PC war immer noch auf die Kamera von Raum II gerichtet. Pamela Ashton war immer noch nicht darauf zu sehen.
Aber, da war dieser merkwürdige Geruch. Es roch nach Gas oder etwas Ähnlichem. Von Spooner war nichts zu sehen. Santana stürmte die Treppe runter und richtete die Waffe auf das Panoramafenster:
>> Wir werden unsere Unterhaltung jetzt beenden. Wo ist Wallace?<<
Fragend hob sie den kopf: >>Wer? <<
>> Hören sie auf mit diesem Spiel. Sie wissen verdammt gut wen ich meine. <<
>> Dann haben sie den ersten Jungen also gefunden. Tut mir leid für ihn. Das hatte ich so nicht geplant. <<
>> Halt dein verdammtes Maul!!! <<
Er drückte ab und die Kugel blieb in der Panzerscheibe stecken ohne viel Schaden anzurichten. Ein kleiner Riss war alles was sie bewirkte. Doch hatte er den Eindruck sie schockiert zu haben. Mit so einer Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Im gleichen Moment als der Schuss krachte fiel ein unförmiges nasses Bündel klatschend von der Decke, direkt auf den dunklen Fleck im Verhörraum.
Das ding auf dem Fußboden triefte von Blut und die Extremitäten waren auf abstruse Weise verdreht. Sämtliche Knochen mussten gebrochen sein. Das Gesicht bestand nur noch aus rohem Fleisch und ein paar Augäpfeln. Lediglich die getränkte Polizeiuniform lies keinen Zweifel daran, dass dieses stück Fleisch einmal der Stellvertreter von Arcaine Santana, Bernard Wallace gewesen ist.
Viel schockierender als den Tod seines Kollegen empfand Caine sie Tatsache, dass er die ganze Zeit an der Decke gehangen haben musste. Die Decke war sehr hoch. Unmöglich sie nur mit dem Stuhl zu erreichen. Aber es war die einzige Möglichkeit gewesen den Toten zu verstecken. Santana wäre nie auf die Idee gekommen nach oben zu sehen. Seine Augen wanderten zurück zu Pamela Ashton:
Wie hat sie ihn da oben raufgeschafft?
Pamela Ashton lehnte an der Wand und musterte ihn grinsend.
>>Eine gute Frage, Caine! Wie kam der Kerl nur an die Decke. Auch wenn ich geschwächt bin, so erlauben es mir meine Fähigkeiten, der Schwerkraft zu trotzen. Wie das funktioniert? Ehrlich, ich habe nicht die leiseste Ahnung. <<
>>Du wirst gleich genügend Zeit haben deinen Schöpfer danach zu fragen. Schlampe! Dafür werde ich nun sorgen.<<
Santana holte zitternd die Schlüsselkette aus der Jeans und steckte den Schlüssel ins Schloss.
Bääng!!
Als die Kugel seine Schulter zerfetzte, schmeckte Santana das verspritzte Blut auf seinem Gesicht und noch im Fallen sah er wie aus seiner rechten Schulter die rote Flüssigkeit, wie von einer Pumpe getrieben, aus dem kleinen loch in seinem Oberarm lief. Dann wurde es Nacht.
Das Klimpern seines Schlüsselbunds weckte Santana. Er lag auf dem kalten Fußboden und sah über sich leicht verschwommen den jungen Spooner. Er zerrte das Schlüsselbund von Santana hervor. Santana lag immer noch blutend neben der Zellentür von Raum II und richtete sich leicht auf um sich gegen die Wand zu lehnen. Die Armypistole lag nur einen halben Meter weiter. Spooner sah in ihr offensichtlich keine Gefahr mehr. Der Lauf der Dienstwaffe von Spooner mit der er auf den Captain geschossen hatte rauchte immer noch.
Spooner probierte die Schlüssel einzeln aus. Er zitterte, war sehr nervös. Jetzt sah er zu Santana runter und grinste:
>> Sie sind selber schuld! Hätten sie doch einfach nur die Scheißtür aufgeschlossen. Dann wäre ihnen das erspart geblieben. <<
Santana schaute den jungen Kerl ungläubig an:
>> Die Schlüssel? Die Schlüssel für die Zelle? Darum ging es die ganze Zeit! Dafür dieses Affentheater! Ich versteh das nicht.<<
Schwitzend erklärte Spooner, während er weitere Schlüssel ausprobierte:
>> Sie……sie konnte sich nicht mehr beherrschen. Sie wartete bis Wallace in die Zelle kam. Dann fiel sie über ihn her. Sie hatte keine Geduld. Hat ihn richtig ausgeweidet. Leider fiel bei dem Kampf die Tür ins Schloss und da sich die Tür nur von außen öffnen lässt, mussten wir uns was einfallen lassen. Da kam ich auf die Idee sie anzurufen. Zuvor musste ich natürlich Blackstone erschießen und in seinem Auto verstecken. Dann habe ich sie angerufen. Den Rest kennen sie. <<
>> Du hast die Frau aus ihrem Auto befreit und hierher gebracht. Sie haben den Bericht in Wallace Namen geschrieben. Nachdem sie sich von ihr haben einwickeln lassen. Dann hat sie dich überredet ihr zu helfen von hier wegzukommen. Was hat sie dir versprochen? <<
>> Sie wird mich zu einem von ihrer Art machen! <<
>> Zu einem von ihrer Art??? Zu einem Vampir?? Spooner, wachen sie auf! Die Frau hat doch ne komplette Meise. Zugegeben, sie ist ne attraktive Erscheinung und hat großen Einfluss auf die Kerle. Aber sie wissen doch genauso gut wie ich, dass sie vollkommen verrückt ist. <<
>> Sie haben selber erlebt wozu sie fähig ist. Sie dringt in unsere Gedanken ein. Sie zeigt uns Wünsche und Träume, die wir in unserem tiefsten Innern verbergen. Wissen sie wie lange sie schon unter lebt? <<
>> Sie lügt! Das können sie doch alles nicht ernsthaft glauben! <<
Das Schloss klickte. Spooner schob die schwere Stahltür nach innen. Ein Luftzug, wie ein erleichtertes Aufatmen, kam Santana entgegen, obwohl das hier unten gar nicht sein konnte. Santana drückte den linken Handballen fest auf die Wunde und zog sich an der Wand langsam nach oben. Der glatte Durchschuss zog einen blutigen Film an der gekachelten Wand. Spooner kniete vor Pamela Ashton. Er betete sie an und umarmte unterwürfig ihren
blutverkrusteten Rock:
>> Lass uns gehen, Herrin! Wohin du willst. Ich habe…….<<
Weiter kam er nicht. Santana hatte die Pistole aufgehoben und feuerte aus nächster Nähe drei Schüsse in seinen Rücken:
>> Du wirst irgendwo hingehen! <<
Starr vor Entsetzen rutschte er am Kleid seiner Herrin herunter. Mit einer Hand hob sie ihn in die Höhe, betrachtete ihn kurz, wie eine Katze die zappelnde maus in ihrer Pfote, um dann ihren Kopf in den Nacken zu legen und nach vorne zu schnellen. Santana sah zwei Nadelspitze Fangzähne aufblitzen und ihr Mund vergrub sich in seinen Hals. Als hätte sie in einen reifen Apfel gebissen spritzte der Saft nach allen Seiten des Raumes und floss an ihren Mundwinkeln herunter. Anschließend lies sie das zuckende Menschlein fallen wie ein nasses Handtuch.
Hatte sie ihn tatsächlich gebissen?
Als sie sich umdrehte, erkannte Santana in ihrem bluttriefenden Mund kleine Hautfetzen zwischen ihren Zähnen.
Das bilde ich mir nur ein.
Sie spreizte die Finger in Santanas Richtung und die Waffe flog ihm aus der Hand. Dann hob es ihn von den Füssen. Für einen Augenblick lies sie ihn vor sich schweben, dann kickte sie ihn mit einer einfachen Handbewegung zur Seite und er wurde gegen die Wand geschleudert.
Schreiend hielt er sich die Schulter während sie ihn noch mal anlächelte.
Dann ging sie leichten Fußes nach oben.
Caine robbte auf allen Vieren bis zur Treppe und folgte ihr. Stufe für Stufe, wie ein Bergsteiger, erklomm er die Treppe und war schneller oben als er dachte.
>> Bleiben sie stehen! Sie werden dieses Revier ebenfalls nicht lebend verlassen. <<
Er hielt sich keuchend am Türrahmen fest, und kam sich nun ziemlich tollkühn vor eine solche Drohung ohne eine Waffe in der Hand auszusprechen während sich Pamela zu ihm umdrehte. Die Hartnäckigkeit dieses Mannes überraschte sie. Dem würde sie nun ein Ende machen. Ein für allemal.
Sie streckte wieder die Hand aus und wieder flog Caine quer durch den Raum und landete in der Tür zum Seitenausgang. Dabei stieß er gegen zwei Kanister aus denen eine klare Flüssigkeit suppte.
Benzin! schoss es ihm durch den Kopf: Spooner war in der Garage bei den Streifenwagen gewesen, während ich die Leiche von Blackstone fand. Er hat es abgefüllt um die Bude vor ihrer Flucht in Brand zu stecken. Dieser merkwürdige Geruch als ich wieder reinkam war kein Gas. Es waren die Ausdünstungen des verschütteten Benzins. Er hat es nicht im ganzen Raum verteilt um weniger Spuren zu hinterlassen.
Er rappelte sich auf, als er abermals durch die Luft geschleudert wurde und dabei den Tisch von Wallace mit sich riss. Stöhnend blieb er liegen. Aber sie wollte immer noch spielen, wie eine Katze. Augenstrahlend sah sie ihm zu, als es plötzlich an die Tür klopfte. Augenblicklich reagierte Pamela und schob mit mentaler Kraft einen Stuhl vor die Tür.
>> Hallo! Caine?? Bist du da drin? Ich bin’s Judith.<<
>> Juuudyyyy!! Bleib draußen! Hau ab! <<
Er hatte sich wieder im Griff und robbte blutverschmiert zur Tür. Beinah hatte er sie erreicht, als Ashton sich wieder auf ihn konzentrierte und ihn nur mittels ihrer Augen zum gegenüberstehenden Schreibtisch fegte. Halb ohnmächtig vor Schmerzen, hielt sich Santana an der Tischkante fest und riss sämtliches Mobiliar mit sich auf den boden. Der Tisch kippte zur Seite Pamela schwebte nun genau über ihm und dann fiel ihm der läppische kleine Gesichtsbräuner von Blackstone in die Hände:
In jeder Legende steckt ein wenig Wahrheit.
Als ob sie seinen Gedanken gehört hätte blickte sie auf die UV-Lampe, die Santana vor sich hielt.
Sie sah auf ihn, dann auf den Schalter in seiner Hand. Sie stieß wie ein Raubvogel mit gefletschten Zähnen auf ihn herab. Alles dauerte nur Sekunden. Die UV-Lampe flackerte auf und Santana drehte den Kopf beiseite.
Unkontrolliert fiel sie neben Santana zu Boden. Ihre Augen wurden vom den Lampen erfasst und verdampften im selben Augenblick. Kreischend und wild um sich schlagend sprang sie in die Höhe. Die Hände fest auf die Augen gepresst suchte sie kreischend nach dem Ausgang. Fasziniert von diesem unheimlichen Schauspiel, hielt er die Lampe weiter auf sie gerichtet. Als ob Fliegen sie umschwärmen würden, versuchte sie das Licht abzuwehren. Dann gab es zischendes Geräusch, wie von einer Zündlunte und sie stand in Flammen. Immer noch schreiend schlug sie weiter um sich und entfachte das verteilte Benzin. In wenigen Augenblicken loderte das ganze Zimmer.
Judith stand am Fenster und spähte durch die vereisten Scheiben. Außer dem Feuer, welches sich immer schneller ausbreitete, konnte sie nicht viel erkennen.
Das Schwesternkleid verschmolz mit ihrer mit ihrer dunklen Haut und der Geruch von verbranntem Fleisch lag in der Luft. Sie tat noch ein paar schwächende Schritte und suchte händeringend nach dem Ausgang, bevor sie endlich zusammenbrach und das Feuer sie gänzlich auffraß.
Rauch und Hitze überall. Die einzige Möglichkeit war das Fenster. Die Schulter hatte aufgehört zu bluten. Die gebrochenen Rippen spürte er nicht mehr. Seine Augen brannten. Seine Haare fingen Feuer und seine Haut schmerzte wie nach einem ultrastarken Sonnenbrand. Mit dem gesunden Arm packte er den umgestürzten Bürostuhl und hielt ihn wie einen Rammbock vor sich und rannte auf das Fenster zu. Die Scheibe zersplitterte. Durch den freigesetzten Sauerstoff breitete sich das Feuer noch schneller aus und bildete kleine Stichflammen. Mit letzter kraft lies Santana sich aus dem Fenster in den kalten Schnee fallen. Die kühle Nachtluft gab ihm Auftrieb und er stolperte nach vorn als die nächste Stichflamme aus dem Fenster schoss und Caine durch die Druckwelle auf die Strasse geschleudert.
Judith fuhr den Wagen zwischen ihren Mann und dem brennendem Haus. Sie stieg aus und zog ihn aus der Gefahrenzone auf die gegenüberliegende Straßenseite. Sie zog ihre Jacke aus und wickelte ihn darin ein. Sie setzte sich neben ihn und in einiger Entfernung hörten sie das Motorengeräusch des Schneepfluges.
Sie streichelte seine verbrannten haare und nahm ihr Handy aus der Tasche. Ohnmächtig lag er zwischen ihren Beinen und zitterte unablässig.
Leise sagte sie zuversichtlich: >> Gleich kommt Hilfe, Schatz! Halt noch einen Moment aus. Ich bin ja bei dir. Gleich kommt Hilfe. <<
9.
Drei Monate später:
Santanas Bericht an die zuständige Behörde fiel kurz und knapp aus. Er erwähnte weder Pamela Ashton noch seine toten Kollegen. Auch nicht die lange Unterhaltung die er mit der Mörderin geführt hatte. Das Rätsel um den toten Blackstone in seinem Auto blieb ungelöst. Spooner wurde eindeutig als Brandstifter identifiziert und man kam überein, dass es zwischen den Constable zu privaten Streitigkeiten gekommen sein musste. Santana schrieb, dass er erst kurz vor Ausbruch des Feuers ins Revier kam und nichts von allem mitbekommen hatte.
Die Leiche von Pamela Ashton war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Niemand kam auf den Gedanken, dass es sich bei der Leiche um sie handeln könnte. Ihr Wagen wurde erst Tage später nach dem wilden Schneetreiben entdeckt und wurde in keinerlei Verbindung mit dem Brand im Revier gebracht. Offiziell war sie immer noch auf der Flucht.
Santana saß vor dem Videoschirm und zappte sich durchs Internet. Er hatte Judith alles erzählt und war sich nicht sicher ob sie nicht doch ein Schattenwesen gewesen ist. Aber Judith war nicht der Typ für´s Übersinnliche und entkräftete all seine Argumente:
>> Sie konnte keine Gedanken lesen. Sie war Krankenschwester und hat bestimmt schon viele Kriegsveteranen behandelt. Die wusste was dir so durch den Kopf geht. Oder sie hat einfach nur gut geraten. Das sie auf der Kamera nicht zu sehen war, dafür ist Spooner verantwortlich. Er hat bestimmt ne Aufnahme von der leeren Zelle gemacht und als Dauerschleife laufen lassen. So was kriegt jeder kleine Computerfreak hin. Vielleicht hat sie ihn wirklich gebissen und vielleicht hielt sie sich wirklich für einen Vampir. Aber sie hat dich nicht mit psychokinetischen Kräften schweben oder durch das Zimmer fliegen lassen. Sie muss dich angefasst haben. Durch die Verletzung hast du es gar nicht mehr mitbekommen. Sie hat gewiss irgendeine Kampfsportart betrieben. Das machte sie so unglaublich schnell.
Jetzt mach dich nicht verrückt, mit dieser Geschichte. Sie ist tot. Das alleine zählt. <<
Sie küsste ihn auf die Stirn und ging in die Küche.
Fragend sah er ihr nach: >> Judith! <<
>> Ja! <<
>> Ich liebe Dich! <<
Sie lächelte: >> Ja, Schatz! Ich hab dich auch lieb! <<
Er hatte ihr nicht alles erzählt. Eine Bemerkung von Pamela Ashton hatte er nicht erwähnt. Santana bewegte die maus und gab folgende Begriffe in die Internetsuchmaschine ein: London, Brand 1666, Dokumente und Berichte
Er durchforstete stundenlang verschiedene Opferlisten, private Briefe und gelangte schließlich an die Skizze einer jungen Lazarretthilfe die schlafend auf einem Stuhl saß.
Die Haare waren anders und sie wirkte viel jünger, aber sie könnte es sein. Die Zeichnung war mit Kohle und Fingerspitzen angefertigt worden und ziemlich verblasst.
An der linken Wade entdeckte er einen fingerlangen Strich. Konnte ein Zufall sein, aber Santana war davon überzeugt, dass es sich um ein Muttermal handelte.
Die Frau wirkte erschöpft und unzufrieden. Nein, unzufrieden war nicht das richtige Wort. Sie war traurig! Jetzt tat sie ihm leid. Er legte seine Fingerspitzen auf den Bildschirm und streichelte ihr Gesicht. Dann schaltete er ab.
ENDE
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