Schon bevor ich die Augen aufschlug wusste ich, dass dieser Tag mir nicht viel Gutes einbringen würde. Ich wusste, dass heute ein Horror- Tag auf mich wartete.
Gerade dachte ich angestrengt darüber nach, wie ich Mum und Dad davon überzeugen konnte, dass ich krank sei, als mein kleiner Bruder Maxi in mein Zimmer stürmte. Vor meinem Bett blieb er stehen, fuchtelte wild mit den Armen umher und schrie lauthals: „Aufstehen! Aufstehen!" Dann riss er mir die Decke weg und rannte lachend mit ihr aus dem Zimmer.
Am liebsten hätte ich Maxi in eine Rakete gesetzt und auf den Mond verbannt. Sollten die Aliens doch mit ihm fertig werden. Doch da Mum mich dann gleich hinterherschicken würde um ihn zurückzuholen, konnte ich mir das Geld für die Rakete schon gleich sparen.
Wütend setzte ich mich im Bett auf und starrte meinen Wecker an.
Zwei Sekunden später lag er in viele Einzelteile zerteilt auf dem Fußboden. Dieses Mistteil war schon wieder stehen geblieben. In meinem Zorn hatte ich ihn gegen meine Zimmerwand geworfen und natürlich hatte er das nicht überlebt. Bedauern werde ich das jedoch nicht. Das war schon das dritte Mal in dieser Woche und ich hatte echt die Nase voll. Langsam schälte ich mich aus meinem Schlafanzug und wenig später durchsuchte ich meinen Kleiderschrank nach den passenden Klamotten zu meinen neuen Schuhen. Schließlich verließ ich fertig angezogen mein Zimmer und machte mich auf den Weg zum Bad.
Wir, das heißt Mum, Dad, John, Marie, Felix, Tim, Melanie, Maxi, Sophie, Celine, Lena und Ich, wohnen in einem riesigen Haus. Im riesigsten Haus der Stadt. Zwar betont Dad immer, er würde lieber in einer kleinen Hütte in den Alpen wohnen, aber das glaube ich ihm nicht. Wer will denn schon in den Alpen wohnen?!
Gähnend schlürfte ich durch die langen Flure und brauchte fast zehn Minuten, bis ich schließlich vor dem Bad stand. Es war abgeschlossen. „Mum," rief ich ungeduldig und klopfte an die Badezimmertür. Als ich keine Antwort bekam, klopfte ich noch einmal. Wieder nichts. Ich fuhr mir durch' s lange, braune Haar und seufzte. „Schatz?" Ich drehte mich erschrocken um. Mum stand hinter mir. „Hast du mich gerufen?" Ich starrte sie an. „Äh ... ich dachte, du wärest im Badezimmer, weil du doch immer um diese Zeit ... ," stotterte ich verwirrt. Mum lachte. „Ach so ist das." Sie wollte sich gerade umdrehen, da hielt ich sie am Arm fest. „Wie viel Uhr ist es," fragte ich. Mum sah mich besorgt an. „Es ist halb sieben, Schatz. Ich wundere mich auch schon, warum du so früh auf den Beinen bist. Es ist doch Samstag." Ich spürte, wie es in mir zu brodeln anfing. Gleich würde ich explodieren. „Weil dieser Scheißtyp namens Bruder Maxi mich geweckt hat," schrie ich Mum ins Gesicht, drehte mich um und rauschte davon. Als ich wieder in meinem Zimmer war, schloss ich mich ein und warf mich auf mein Bett. Ich versuchte, ruhig zu bleiben, doch ich wusste, dass es aussichtslos war. Also nahm ich mir mein Buch zur Hand und blätterte darin herum. Dann stand ich wieder auf und lief in mein Nebenzimmer.
Wie viele meiner Geschwister auch besaß ich zwei aneinander gebaute Zimmer. In dem großen standen mein Bett, ein Schrank, ein Tisch, zwei Kommoden, ein Schreibtisch und zwei Stühle. Daneben in dem kleinen Zimmer standen bloß ein Sofa, ein Fernseher, ein Schrank und ein Regal.
Ich schaltete den Fernseher an und setzte mich auf das Sofa. Gerade lief aus Pro7 so eine Komedy- Serie. Doch nach einer Weile nervte mich das immer nach einer halben Minute einsetzende, künstliche Lachen so, dass ich schließlich den Fernseher wieder abstellte. Nun lag ich also auf dem Sofa und wusste nicht, was ich tun sollte. Plötzlich knurrte mein Magen laut und vernehmlich. Wie viel Uhr es jetzt wohl war? Bestimmt waren erst einige Minuten vergangen, seit ich meinen filmreifen Abgang hingelegt hatte. Oder doch länger?! Vielleicht lag ich schon eine ganze Stunde hier und die anderen waren längst ausgegangen. Auf jeden Fall musste ich mein Zimmer bald verlassen, da ich 1. sehr großen Hunger hatte und ich 2. dringend auf' s Klo musste. Natürlich konnte ich mich auch weiter in meinem Zimmer verschanzen, doch dann hieße das, dass meine große Schwester Melanie auch nicht ihr Zimmer verlassen könnte. Es ist nämlich so, dass ihr Zimmer direkt an meines grenzt und sie keine Tür hat. Und ich habe sogar zwei! Immer wenn sie also ihr Zimmer verlassen möchte, muss sie erst durch meines hindurchlaufen. Manchmal war das ziemlich nervig, aber manchmal auch gut, dass sie immer gleich erreichbar war, wenn ich sie brauchte und so nicht einmal quer durch' s ganze Haus laufen musste.
„Helle?" Ich hörte, wie jemand gegen meine abgeschlossene Zimmertür klopfte. „Ja," murrte ich.
„Machst du mal auf? Ich bin' s, Melanie." Ich erschrak. Da war ich davon ausgegangen, dass meine große Schwester noch genüsslich im Bett lag und die Ruhe genoss. Doch stattdessen geisterte sie schon im Haus herum. Sie war ja schon immer keine Langschläferin gewesen.
„Klar," rief ich und sprang vom Sofa. Schnell öffnete ich dich Tür und sah eine bloß im Badehandtuch eingewickelte Melanie vor mir. „Warst du Duschen," fragte ich sie, während meine große Schwester durch mein Zimmer eilte. „Ja. Und rate mal, wer unbedingt ins Bad wollte," lächelte sie, blieb vor ihrer Zimmertür stehen und drehte sich zu mir um. Ich wurde rot. „Ich?" „Genau!" Dann verschwand sie bei sich im Zimmer. Ich wollte ihr noch etwas hinter herrufen, doch dann ließ ich es doch lieber sein. Stattdessen eilte ich ihr nach. „Melanie?" Ich wusste, dass sie sich in ihrem Bad befand. Denn meine große Schwester hatte als einzige im Haus drei Zimmer. Ein Gästezimmer, ein Badezimmer und ihr normales Zimmer. Wundern tat es mich jedoch, dass sie sich nicht bei sich geduscht hatte. Sie besaß sogar eine eigene Badewanne. „Moment," ertönte Melanie' s Stimme aus dem Bad, vor dessen Tür ich stehen geblieben war. Etwa zwei Minuten später trat sie heraus, fertig angezogen und Top gestylt. Melanie war der einzige Mensch der Welt, der wirklich etwas von Styling verstand. Wenn sie das Haus verließ sah sie aus wie Madonna persönlich und alle Jungs der Stadt nannten sie bloß noch Mad(onna). Auch ich nenne sie immer so.
Neben Melanie sah ich immer aus wie der letzte Mist. Trotzdem mochte ich sie und fand sie als erträglichste von meinen zehn Geschwistern.
„Was ist denn," unterbrach Melanie meine Gedanken. Ich schreckte hoch. „Äh ... was?" Mad seufzte. „Du hast mich gerufen." „Äh, ja ... stimmt."
„Also, was ist nun?"
„Ich wollte ... wissen, wie viel Uhr es ist."
Mad starrte auf ihre Armbanduhr. „Es ist ungefähr 8:00 Uhr. Wieso?" Ich schluckte. „Weil Maxi heute morgen meinen Wecker vertreten hat. Der ist nun übrigens vollends gestorben. Aber Maxi hat echt eine Schraube locker, da läuft der einfach...!" „Nun aber mal langsam," unterbrach Mad mich, „Was ist los?" Ich zog sie in mein Zimmer und wir setzten uns auf mein Bett. Dann erzählte ich ihr von meinem missglückten Start in den Tag, und davon, dass ich Maxi am liebsten auf den Mond schießen würde. Als ich dies erwähnte lachte Mad laut auf. „Gar keine so schlechte Idee," lachte sie, „dieser Lümmel hat nämlich schon wieder mein Deo geklaut." Ich sah sie verständnislos an. Meine Schwester machte sich einen Spaß daraus. Früher hatte ich das auch getan, doch jetzt entfinde ich das ganze alles andere als spaßig.
Plötzlich schrie Mad auf. Ich zuckte zusammen und starrte sie erschrocken an. Doch Mad erwiderte meinen Blick nicht, sondern stürmte wieder in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. So viel zum Thema 'Mädchen mitten in der Pubertät'.
Mein Magen knurrte und rumorte. Seufzend erhob ich mich von meinem Bett und ging auf meine Zimmertür zu. Gerade hatte ich den Schlüssel wieder im Schluss umgedreht, da öffnete sich auch schon die Tür und knallte mir gegen den Kopf. Ich stolperte zurück und hielt mir den Kopf. Das würde aber eine ordentliche Beule geben. Erst jetzt bemerkte ich, dass gar keiner in mein Zimmer gekommen war. Das Pochen im Kopf ignorierend trat ich aus meinem Zimmer heraus in den Flur. Dort sah ich mich um. Es war niemand zu sehen. Seltsam. Wer hatte meine Tür geöffnet? Ich war so in meine Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerkte, wie ich wieder anfing zu laufen. Meine Beine schienen nicht mehr mir zu gehören.
In meinen Gedanken war ich schon gar nicht mehr bei meiner Zimmertür, sondern bei Maxi. Vielleicht müsste ich ihn ja gar nicht zurückholen, wenn ich ihn ins All verbannt hatte. Vielleicht würden die Aliens meinen Bruder zurückschicken - und zwar mit einem kräftigen Tritt ins Hinterteil. Ich müsste dann nicht beide Raketen bezahlen, sondern bloß die für den Hinflug. Das Zurückfliegen würden die Aliens übernehmen. Und dann ... !
Jetzt erst bemerkte ich, dass ich einmal quer durch das ganze Haus gelaufen war. Noch immer drückte meine Blase und mein Magen rumorte immer lauter. Es wäre wohl wirklich besser, doch erst einmal auf' s Klo zu gehen und dann etwas zu essen. Ich wollte mich umdrehen, und zum Bad laufen, denn gerade lief ich in die entgegengesetzte Richtung davon. Doch es ging nicht! Ich konnte mich nicht umdrehen!!!
Kommentare
Marie G.
Ich mag meine Geschichte gern :) !
Ich liebe es, Geschichten zu schreiben, auch wenn es bloß die Fantasien eines Kindes sind.