Mit gebrochenen Flügeln
Ich hatte dir immer geglaubt. Alles für wahr gehalten, das du mir erzähltest. Doch rückblickend musste ich feststellen, dass du selbst Engel belügen konntest.
Gedankenverloren starrte ich auf seine weichen Lippen, die sich beim Sprechen hoben und senkten. Sein schmales Kinn und seine hervorstehenden Wangenknochen verliehen seinem Gesicht etwas äußerst Maskulines. Ich folgte der schmalen Linie seiner Nase und betrachtete entzückt seine Wimpern, die seine Augen wie einen dichten, schwarzen Kranz umrahmten.
„Kate, hörst du mir zu?"
„Hm… ."
Wie konnte ich auch nur ein Wort von dem verstehen, was er versuchte mir zu erklären, wenn er mich durch seine bloße Anwesenheit ablenkte?
„Du hast schon wieder geträumt.", anklagend hob er eine Augenbraue und strich mir sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Nein!", widersprach ich empört „Ich habe alles mitbekommen."
„Dann fass doch einmal zusammen, um was ich dich gebeten habe."
„Nun ja….", ich stockte „Du sagtest, dass…"
Ich seufzte. Er hatte mich durchschaut. Wieder einmal. War es so offensichtlich, dass ich keinen einzigen Satz aufgenommen hatte?
Er grinste „Oh ja, das war offensichtlich."
„Hör auf meine Gedanken zu lesen.", beschwerte ich mich murrend, nicht gewillt meine Schande einzugestehen.
„Habe ich dir schon einmal gesagt, dass ich dich lesen kann wie ein offenes Buch?"
Ich schob die Augenbrauen zusammen „Ja, und ich erinnere mich wage daran, dass ich dich gebeten habe das zu unterlassen!"
Seine Augen funkelten belustigt. Indigoblau. Zusammen mit seinen blonden Haaren sah er beinahe aus wie ein …Engel.
„Ich liebe dich.", flüsterte er in mein Ohr und zog mich in seine Arme.
„Na, ich weiß nicht…", ich schüttelte den Kopf „Das sagst du doch nur, damit du aus dem Schneider bist."
Als Antwort drückte er mir einen zärtlichen Kuss auf meine Mundwinkel und umfasste meinen Kopf mit seinen Händen. „Sei still, du törichtes Weib. Wie könnte man dich nicht lieben?"
Ich seufzte wohlig auf und schmiegte mich noch näher an ihn.
Es war unheimlich. Dieses Glück. Es war so…unwirklich. Einem Menschen allein konnte nicht so viel auf einmal gehören, ohne dass er Konsequenzen zu tragen hatte. Und das machte mir Angst. Angst, dich zu verlieren. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es war ohne dich zu leben. Du warst mein Leben. Ich brauchte dich, wie ein Fisch das Wasser, wie ein Vogel die Freiheit, wie die Luft zum Atmen. Und vielleicht war es gerade diese Abhängigkeit zu dir, die mich so verwundbar machte.
„Aufstehen. Na los, komm schon! Raus aus den Federn!", die Stimme riss mich brutal aus den Traumgefilden, in denen ich mich bis gerade eben noch befunden hatte.
„Was soll das? Es ist Sonntag!", beschwerte ich mich murmelnd und zog mir die Decke über den Kopf.
„Wir machen ein Picknick."
„Ein Picknick?", ich schlug die Decke wieder zurück „Und deswegen weckst du mich in aller Herrgottsfrühe? Wegen einem Picknick?"
„Ja."
Ich musterte ihn verblüfft. Er stand bereits fertig angekleidet und mit einem Korb zu seinen Füßen vor unserem Bett und machte eine energische Handbewegung. „Beeil dich. Ich habe schon alles gepackt. Du brauchst dich also nur noch anzuziehen."
Fassungslos weitete ich die Augen „Es ist 9 Uhr! Du erwartest nicht allen Ernstes, dass ich um 9 Uhr aufstehe, um mit dir zu einem Picknick zu gehen…Hätten wir das nicht auf den Nachmittag verschieben können?"
„Nein, Kate, hätten wir nicht.", ärgerlich stemmte er die Hände in die Hüften „Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du dich jetzt endlich ankleiden würdest. Wir müssen los."
Widerstand zwecklos. Seufzend erhob ich mich und fügte mich meinem Schicksal.
Was hatte ich schon zu verlieren?
Hätte ich es damals gewusst, ich hätte einen Teufel getan deiner Aufforderung nachzukommen. Einen Teufel getan- welch passende Ausdrucksweise.
Wie viel Ironie doch in diesen drei Worten stecken kann.
Hätte ich es doch nur geahnt, ich hätte mein Leben für Deines gegeben.
„Warte! Ich kann nicht mehr!", keuchend hielt ich mir die Seiten.
„Schon außer Atem?", seine Augenbrauen hoben sich spöttisch.
„Ja."
„Komm schon, es ist nicht mehr weit; nur noch über die Straße.", auffordernd hielt er mir seine Hand entgegen.
Seufzend lehnte ich ab „Ich schaff das schon. Geh du vor."
Unter keinen Umständen wollte ich, dass er sah wie erschöpft ich tatsächlich war. Wir waren nicht dafür gemacht weite Strecken zu laufen. Wir zogen eine andere Fortbewegungsart vor.
Schulterzuckend wandte er sich ab und marschierte los. Auf die Straße.
Warum hatte ich dich nur vorgehen lassen? Warum war nicht ich vorangegangen, ganz gleich, ob du etwas gemerkt hättest oder nicht. Warum war ich dieses Risiko nicht eingegangen? Stattdessen ließ ich dir den Vortritt…
„Nein!!", schluchzend beugte ich mich über den leblosen Körper, der über und über mit Blut bedeckt war. Er hatte das Auto nicht gesehen. ICH hatte dieses verdammte Auto nicht gesehen!
„Oh mein Gott….", die Fahrerin des PKW's blickte kreidebleich auf uns hinab.
„Sind sie verletzt?", sie fasste ihn ans Handgelenk.
„Hören Sie mich?"
Er gab keine Antwort, lag nur da, bewegte sich nicht mehr.
Tränen traten in ihre Augen. Ich hätte ihr gerne geholfen, wenn ich gekonnt hätte.
Doch sie sah mich nicht.
Würde mich nie sehen können.
„Wach auf.", flüsternd strich ich mit meinen Fingern über seine Lippen.
Fuhr jede einzelne der so geliebten Linien seines Gesichts nach.
Er würde sie nie wieder spüren können. Nicht hier. Nicht in diesem Leben.
Ich hätte besser auf dich aufpassen müssen, so, wie es meine Aufgabe von mir verlangte.
Aber ich brach die Regeln- indem ich mich in dich verliebte.
Hätte ich noch ein Herz gehabt, es wäre in diesem Augenblick zersprungen.
Und nun sitze ich also hier, an dem Platz, der einst uns gehörte.
Schaue in den Himmel und versuche mir das verlorene Glück in Erinnerung zu rufen.
Sitze hier und stelle mir jeden einzelnen deiner Gesichtszüge vor,
versinke in den dunklen Tiefen deiner Augen und falle in den Abgrund.
Sitze hier - mit gebrochenen Flügeln.