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Kapitalismus oder Leistungsgesellschaft

Über das Buch:

Fragen wir Menschen, die ins soziale Abseits gedrängt wurden und nun
von Sozialhilfe leben müssen, wen sie für ihr Los verantwortlich machen, dann lautet die Antwort fast immer Kapitalismus oder Leistungsgesellschaft oder sogar beide.

Wie gerechtfertigt sind derartige Vorwürfe? Sind es vielleicht nur
Versuche, sich selbst der Verantwortung zu entziehen?

In seinem neusten Buch »Kapitalismus oder Leistungsgesellschaft« setzt sich der Autor mit dieser Frage auseinander und entdeckt dabei einige Besonderheiten, die verbreiteten Meinungen widersprechen.

Leseprobe:

Kapital und Leistung

Wir fragen, was wohl besser sei, Kapitalismus oder die Leistungs-gesellschaft. Diese Art der Fragen gehört zu den unsinnigsten Fragen, wenn uns weder der Zweck noch der Nutznießer bekannt sind. Wir werden feststellen, dass es etliche Antworten auf die oben erwähnte Frage gibt, doch keine von ihnen kann für sich Objektivität reklamieren.

Eine subjektive Antwort erhalten wir von verärgerten Sozialhilfe-empfängern. Glauben wir ihnen, sind die auf Kapital und auf Leistung beruhenden Gesellschaften dafür verantwortlich, dass sie ins finan-zielle Abseits gedrängt werden. Befürworter der beiden Gesellschaften
sehen das jedoch völlig anders. Beide erklären uns, dass es die von ihnen bevorzugte Gesellschaftsform nicht sein könne, da sie doch noch gar nicht existiere. Die vielen Eingriffe der Regierung verhinderten, dass es zu einer kapitalistischen Gesellschaft kommen könne. Und das Unvermögen, die Leistung eines Menschen objektiv zu messen, verhindere andererseits eine Leistungsgesellschaft.

So mancher ist völlig überzeugt davon, dass Statistiken nur dann ernst genommen werden könnten, wenn man sie selbst erstellt hat. Sogar dann, wenn es nicht ganz so negativ gesehen wird, bleibt die Überzeugung, dass keine Statistik die Wahrheit widerspiegele. Als Beispiel sei auf die Statistiken hingewiesen, die über Arbeitslose und über freie Arbeitsplätze informieren sollen. Nachdem Tausende von Mitarbeitern entlassen wurden, werden Arbeitsplätze angekündigt, allerdings erst einige Zeit später. Aus keiner Statistik geht jedoch hervor, von welcher Qualität die alten Arbeitsplätze waren und wie gut Arbeits-kräfte und ihre Arbeitsplätze harmonierten, wie groß also letztlich die zu erwartende Leistung gewesen wäre. Übliche Statistiken vermengen Äpfel und Birnen, woraus wir schließen, dass Leistung keine Rolle zu spielen scheint. In einem Vergleich mit Autos könnten wir sagen, dass drei neue Rolls-Royce durch drei gebrauchte Trabis ersetzt werden.

Arbeitslose sind verpflichtet, nahezu jeden Arbeitsplatz anzunehmen, was deutlich zeigt, dass der Qualität einer Arbeit keine Bedeutung beigemessen wird. Vielleicht ist noch dazu zu sagen, dass Zwang selten ein guter Ratgeber ist.

Kapitalismus und Leistungsgesellschaft sind die beiden Gegensätze, zwischen denen wir wählen sollen. Wie sich nachweisen lässt, können wir nicht beide Möglichkeiten zur gleichen Zeit haben, was sicherlich
einige in Erstaunen versetzen wird. Es ist jedoch, wie es ist: Je mehr wir uns dem Kapitalismus nähern, desto mehr entfernen wir uns von der
Leistungsgesellschaft.

Während Befürworter des Kapitalismus gegen jeden regelnden Eingriff sind, weil er nach ihrer Überzeugung wirtschaftliche Transaktionen verhindert, wehren sich die Befürworter der Leistungsgesellschaft gegen Eingriffe, die der Gesamtleistung abträglich sind.

Für die Vertreter der Leistungsgesellschaft ist das Ideal dann erreicht wenn jeder Arbeitsfähige einen Arbeitsplatz erhält, der nicht nur seinem Können entspricht, sondern auch seinen Neigungen, denn das
würde zu einem hohen Leistungsstand führen. Soziale Gerechtigkeit ist ohne eine funktionierende Leistungsgesellschaft undenkbar.

Die Vertreter des Kapitals sehen ihr Ideal darin, dass jede Einmischung der Gesellschaft unterbleibt. Was nichts anderes bedeutet, als dass die Großkapitalisten von jeder Rücksichtnahme entbunden werden. Wird einem kleinen Arbeitnehmer ein Arbeitsplatz angeboten, ist er nahezu immer verpflichtet, ihn anzunehmen, ob er dafür geeignet ist oder nicht, ob der Arbeitsplatz am Wohnort ist oder in einer anderen Stadt.

Wer allerdings, wie ich es bin, daran interessiert ist, das Leistungs-maximum anzustreben, kommt fraglos zu einem anderen Ergebnis, weil nämlich so manches die Leistung herabsetzt, woran wir gar nicht denken: Der Arbeitsplatz an einem anderen Ort und in einem fremden Beruf wird vom Kapitalismus in Kauf genommen, weil er die Anzahl der Transaktionen erhöht. Für eine Leistungsgesellschaft ist das jedoch ein unübersehbares Minus. Wer auf einem Arbeitsplatz sitzt, der weder seinem Können noch seinen Neigungen entspricht, erbringt keine Höchstleistung.

Im Kapitalismus werden auf unterer Ebene attraktive Arbeitsplätze vernichtet und durch Maschinen oder durch Arbeitsplätze ersetzt, die von der jeweiligen Arbeitskraft keine nennenswerten Fähigkeiten erfordern. Denn jeder der noch vorhandenen Arbeitsplätze soll nach Möglichkeit mit einer einfachen Arbeitskraft besetzt werden. Ob der Mitarbeiter seine Kenntnisse einbringen kann und dabei so viel verdient, dass er davon seinen Lebensunterhalt und gegebenenfalls den seiner Familie bestreiten kann, ist für den Kapitalismus irrelevant. Reicht ein Job nicht, hat sich der Arbeitnehmer um einen zweiten oder sogar um einen dritten Job zu bemühen.

Das Gegenstück ist die Leistungsgesellschaft mit mehr Gerechtigkeit. Im Idealfall ist jeder Arbeitsplatz mit dem geeignetsten Arbeitnehmer besetzt, jeder Arbeitnehmer findet den für ihn geeignetsten Arbeits-platz. Je höher die Gesamtleistung, desto besser ist es für die Gesellschaft.

Werfen wir noch einen Blick auf das Kapital. Zunächst verhält es sich wie ein Mitarbeiter, der für geleistete Arbeit ein Gehalt bezieht. Der nächste Schritt wiegt um einiges schwerer: Im Vergleich zum Kapital ist der Arbeitnehmer eindeutiger Verlierer, denn das Kapital ist weder
an einen Ort noch an eine bestimmte Zeit gebunden. Da jedoch der übliche Arbeitnehmer nicht so flexibel ist, liegt sein Wert offenbar unter dem des Kapitals. Für einen überzeugten Kapitalisten entspricht genau das der Wahrheit. Für das Kapital scheint es gar keinen Grund zu geben, sich an die Bedürfnisse des Menschen anzupassen, vielmehr sind die Menschen gezwungen, die größere Flexibilität des Geldes anzustreben.

Zu den Voraussetzungen für erfolgreiche Kapitalisten gehört außer der unverzichtbaren Gier in etlichen Formen eine weitere Eigenschaft, über die zwar kaum gesprochen wird, die wir jedoch stillschweigend unterstellen. Diese Eigenschaft liegt im zwischenmenschlichen Bereich und
bezieht sich darauf, was geschieht, wenn ein guter Mensch auf einen
rücksichtslosen Menschen trifft. Den Sachverhalt extrem stark vereinfachend, können wir behaupten, dass zwischen Menschen guten Willens und Rücksichtslosen eine Asymmetrie besteht; dabei werden die Guten fraglos benachteiligt. Wer für gewöhnlich ziemlich rücksichtslos gegen andere vorgeht, wird versuchen, jeden möglichen Vorteil für sich zu nutzen. Der Saldo zeigt dann, dass es zwar einige Verluste gibt, aber auch etliche Gewinne. Der Gute geht allerdings anders vor. Hat er Gelegenheit, einen Vorteil zu nutzen, wodurch einem anderen ein Nachteil entstünde, verzichtet er auf diesen Vorteil. Er nimmt nur die Möglichkeiten wahr, die voraussichtlich niemandem schaden. Das Ergebnis ist, dass ihm insbesondere Gewinne fehlen, sodass die Verluste deutlich überwiegen. Ohne die Bereitschaft, seinen Vorteil auch dann zu nutzen, wenn er für andere von Nachteil ist, wird wohl niemand zu einem erfolgreichen Kapitalisten.

Das Buch ist inzwischen erschienen:

»Kapitalismus oder Leistungsgesellschaft«, 92 Seiten, 6,90 Euro


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