Bild von Arno Abendschön

Hunde, die wir hatten

Der Hund an sich zeichnet sich durch große Variabilität und Anpassungsfähigkeit an den
Menschen aus. Wer welchen Hund wie hält, das sagt auch etwas über den Menschen
des Hundes aus.

Lottchen und Mops waren nur wenig jünger als ich. Lottchen war eine Mittelschnauzerin, Mops
entgegen seinem Namen ein schwarzer Spitzmischling. Allein von Lottchen gibt es
Fotografien in meinem Album. Auf der einen sitze ich als Vierjähriger unter
einem Kirschbaum an einer Kaffeetafel, wir alle frontal zur Kamera: meine
Großmutter in einem schwarzweiß getupften Kleid, mein Großvater zurückgelehnt,
mit übereinander geschlagenen Beinen. Es ist die Pose von Franklin Delano
Roosevelt. Meine Mutter hat noch ihr volles dunkles Haar. Meine Kusine hat
lange blonde Zöpfe und auf dem Schoß ein kleines Wuscheltier mit schwarzer
Stupsnase: Lottchen im Alter von etwa sechs Monaten.

Später hat Lottchen mich mal gebissen, der einzige Hund in
meinem bisherigen Leben. Brachten meine Eltern mich daraufhin zum Arzt, damit
ich eine Tetanusspritze bekäme? Keineswegs. Sie werden das Übliche gesagt
haben: Ach, es wird schon nicht so schlimm sein ... Lottchen war leicht reizbar
und extrem willensstark. Ihr Ende war traurig: Sie entwickelte eine
Fettgeschwulst am Bauch. Als der Tumor immer größer wurde und die Leute darüber
redeten, hieß es: Zum Tierarzt? Ach, was soll denn der daran noch ändern?

Auch mit Mops fing es wie in einer Idylle an. Mein Großvater fährt die frisch gemolkene
Milch mit mir und Mops zur Sammelstelle. Unser Maulesel ist vorgespannt, wir
sitzen auf einer Holzpritsche. Es holpert und vermutlich hat auch die Sonne
geschienen. Mops, noch sehr jung, ist so aufgeregt, dass er mir auf die nackten
Knie pinkelt. Lottchens Reich waren das Haus und der Garten, Mops war zum
Hofhund bestimmt. Er bewachte das abseits liegende Wirtschaftsgebäude, den Tag
über an der Kette liegend. Zeigte sich ein Fremder, bellte er wie tobsüchtig.
Wurde er abends losgelassen, sauste er als rasender Kugelblitz die Feldwege
entlang, kam aber zum Fressen immer zurück an die Kette. Er verfolgte alle
Traktoren mit glühendem Hass, biss in ihre Reifen. Dabei geriet einmal sein
Kopf unter ein Rad und ein Auge lief aus. Er hat noch viele Jahre
durchgehalten, ein einsamer, jähzorniger Zyklop in Hundegestalt.

Die nächste Generation. Hasso war ein schöner imposanter Schäferhund mit einer kleinen
Beimischung von Dackelblut; daher das eine Schlappohr. Er residierte in einer
Holzhundehütte am Rand des Gartens, bellte aus tiefster Kehle furchterregend
über das ganze Tal hinweg und war von insgesamt eher täppisch-gutmütigem Wesen.
Er hätte nie einen Menschen gebissen, eher schon hätte er ihn beim Anspringen
umgeworfen. Er war süchtig aufs Apportieren. Man musste ihn, wenn er nicht
angekettet war, ständig auf diese Weise beschäftigen, da verstand er keinen
Spaß. Übrigens konnte er durchaus zubeißen. Ich habe einige Male erlebt, wie er
Jagd auf die Ratten machte, die sich gern neben den Hühnerställen herumtrieben,
lüstern auf Geflügelfleisch und -blut. Er erwischte die meisten und ließ es
tüchtig knacken.

Mit ihm zusammen hielten wir Lottchen Nr. 2, eine Dackelmischlingshündin, klein,
grauschwarzes Fell, auf Leckeres erpicht bis zur Verfressenheit, später
entsprechend beleibt. Sie wurde im Haus gehalten, war lebhaft, verspielt.

Dann verließ ich das Elternhaus. Hasso, Mops und die beiden Lottchen waren nicht mehr, und
in die Hundehütte zog ein neuer Schäferhund ein. Timo war ohne Fehl und Tadel,
frei laufend nicht ungefährlich. Daher schrieb ich vor jedem Besuch dort: Und
denkt bitte daran, dass Timo angekettet ist ... Er war es die meiste Zeit.
Abends durfte er an der langen Leine einen ausgedehnten Gang mit meinem Vater
machen. Meine Mutter brachte ihm zweimal täglich frisch Gekochtes, sehr Heißes
für seine Schüssel hinaus. Wie das an kalten Wintertagen dampfte! Er hat das
Haus nie von innen gesehen.

Anka war die Letzte. Sie hatte ihr halbes Hundeleben schon hinter sich, als meine Eltern,
selbst schon etwas klapprig und empfindsamer als früher, sie im Tierheim
auswählten. Hatte ihr bisheriges Schicksal meine Eltern gerührt? Sie war vom
Vorbesitzer brutal geschlagen worden und wies einen deformierten Schädelknochen
vor, anklagend, wie es schien. Sie hat noch oft geweint, schrieb mir meine
Mutter nach einiger Zeit. (Nicht gewinselt, geweint!) Auch Anka war in dieser
Hütte am Steilabfall des Geländes untergebracht, bekam jedoch ein größeres
Gehege als ihre Vorläufer. Sie lebte sich ein, schien zufrieden. Sie wurde ein
guter Wachhund und war dabei vollkommen unaggressiv. Spuren aufnehmen und
verfolgen, war ihre größte Freude, wenn mein Vater sie abends herumführte. Wenn
ich den beiden von weitem zusah, stellte ich fest, wie hinfällig mein Vater
schon war. Eher führte sie ihn als er sie.


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