Mühsam war der Pfad, den Gott ihm auferlegt hatte. Mühsam, staubig und blutig. Zornig stampfte er auf, heftiger, als er es gewollt hatte, und sein Stiefel warf einen kleinen Hügel des feinen Sandes auf, der rings um das kürzlich eroberte Konstantinopel dem Wanderer das Gehen erschwerte.
Konstantinopel, das war gestern. Er ging einen weiteren Schritt, etwas Blut troff an seinem Stiefel herab, verband sich mit dem Wüstensand und band diesen zu Boden, unverhofft gefeit durch das hinzugekommene Gewicht des rotens Lebenssaftes gegen die Winde aus dem Osten. Die Stadt am Boshporus war nicht das Ziel gewesen, sondern die Befreiung der passagia generalia, des Weges nach Jerusalem, sowie der heiligen Stadt selbst, im Namen des Herrn. Dennoch hatten sie statt dessen Konstantinopel eingenommen, sie, die sich die Gesandten des Papstes Innozenz III nannten, die Ritter im Namen des Herrn. Sie waren seiner päpstlichen Bulle gefolgt, der Post miserabile Ierusolimitane, welche zum erneuten Kreuzzug zur Rückeroberung Palästinas aufgerufen hatte. Er war dem Aufruf des kirchlichen Boten gefolgt, der für den neuerlichen Kreuzzug geworben hatte. Dieser hatte in seiner Heimat Finisteré halt gemacht, und er hatte gebannt gelauscht. Dann hatte er seine geliebte Franoi und ihren gemeinsamen, eben erst geborenen Sohn der brüderlichen Obhut übergeben, denn es galt, für Gott selbst zu kämpfen. Und zu siegen. So war er dem Aufruf des Werbers gefolgt, bis nach Venezia war er gereist, um rechtzeitig zum Aufbruch der Schiffe nach Jerusalem einen Platz an Bord zu erhalten. Sein Eifer war einigen höheren Persönlichkeiten auf der langen Reise aufgefallen, und man hatte ihm noch in Venezia eine kleine Ritterschar unterstellt, die er kühn und überlegt von Sieg zu Sieg zu führen gedachte.
Doch sie waren vom Wege abgekommen, denn der Kreuzzug hatte von Anfang an im Schatten des Goldes gestanden. Die Überfahrt der mehr als 10.000 Kreuzfahrer unter der Leitung von Bonifatius von Montferrat war bezahlt worden mit den Goldschätzen der Stadt Zara in Dalmatien, die nichts mit Palästina, Jerusalem oder dem Dienst an Gott zu tun hatte. Sie hatten gemeine Frohn- und Eroberungsdienste leisten müssen, ehe sie ihr eigentliches Ziel in Angriff nehmen konnten. So hatten sie diese Stadt Zara, von der er zuvor niemals etwas gehört hatte, belagert und erobert, ja sogar dort überwintert, um die venezianischen Kapitäne zu bezahlen.
Danach kam es noch schlimmer. Wieder zurück in Venezia, erlag der Kreuzzug den Versprechen des byzantinische Prinz Alexios Angelos, Sohn des gestürzten Isaak II von Konstantinopel. Er, der sich als rechtmäßiger Erbe des Reiches fühlte, versprach den Führern des Zuges die ungeheure Summe von 200.000 Silbermark, die Versorgung des Kreuzfahrerheeres für ein Jahr sowie eine Armee von 10.000 Streitern als Unterstützung bei der Rückeroberung Jerusalems.
Wenn sie halfen, das christliche Konstantinopel zu erobern.
Er spuckte aus, machte einen weiteren Schritt in Richtung Osten, und sein Schwert klirrte schwach an seiner Hüfte.
Was war aus alle den Träumen geworden, das heilige Land für die Christen zu öffnen? Aus dem Traum der Kreuzfahrer, die friedliche Pilgerreise des Einzelnen zu ermöglichen, woher er auch sei,eine Reise, auf welcher er überall auf seinem Wege zur heiligen Stadt gespeist, gewaschen und geführt würde?
Palästina sollte ihnen gehören, so war es ausgerufen worden, und nicht anders, und darum hatte er sich für den Pfad des Krieges entschieden. Nicht, um gegen andere Christen zu kämpfen. Er tat einen weiteren Schritt, rechten Fußes immer einen dunklen, blutigen Abdruck im Staub hinterlassend.
Hinter ihm versank Konstantinopel im Licht der untergehenden Sonne. Wie ein Leichentuch wurden die Schatten der hohen Türme länger, gespeist von Feuer der brennenden Häuser. Langsam, ganz langsam, wurden die Schreie der sterbenden Christen leiser, bis der Wind die Ausrufe ihrer Qualen gnädig überdeckte.
Er blieb stehen, griff in seinen Gürtel. Er fühlte das Papier zuerst nicht, dann fand er es endlich. Er wandte sich um, die Stadt war weit genug entfernt. Niemand war ihm gefolgt. Er zitterte, dann holte er das Papier heraus und betrachtete es erneut. Wieder und wieder hatte er versucht, es zu entziffern, nachdem der sterbende Bote des Papstes es ihm ausgehändigt hatte. Doch er war der lateinischen Schrift nicht mächtig. Er hatte den Boten vor drei Tagen an einem Wasserloch in der Nähe des Belagerungsrings getroffen, kurz vor dem Angriff auf die Stadt. Als er mit der Botschaft zurückgekehrt war, hatte er keine Zeit mehr gehabt, sie den Leitern des Kreuzzuges zu übergeben. So hatte er sich eilends in die Schar der Streiter eingereiht, seine kleine Gruppe anführend, und sie hatten sich an der Eroberung der Stadt vergangen.
Wie er sich hasste für die Teilnahme an diesem Angriff. Was sie den Bürgern dieser Stadt, christlichen Bürgern, angetan hatten, war niemals im Sinne des Herrn gewesen, konnte es auch nie gewesen sein. Frauen, Kinder, Greise, Wehrlose abschlachten, um des Goldes willen... das war niemals der Weg des Herrn. Nicht des Herrn, den er, seit er denken konnte, so verehrte. Er blickte hinunter, sein blutender Fuß schmerzte wieder stärker. Er sah vor seinen Augen, immer noch und immer wieder, die Frau, die seine Mitstreiter in rauer Brautwerbung zu nehmen begonnen hatten. Ihre vor Scham und Aufregung geröteten Augen, ihre Schreie. Ihre hilfesuchende Geste mit der einzigen noch freien Hand in seine Richtung, als er ihre Wohnstätte betreten hatte, den Ort des schauerlichen Vergehens seiner Gefolgsleute. Seine Wut über dieses unchristliche Geziemen, sein Schwert, das in die eigenen Männer gefahren war, und schließlich seine Flucht. Dann die Flucht, viele Momente, die sich hartnäckig weigerten, seine Erinnerungen zu erreichen. Blut, so viel Blut.
Schließlich vor ihm die Mauer der Stadt, in ihr ein großes Loch, gestoßen von den Eroberern, seinen Leuten. Hinter ihm seine Ritter, die ihm gefolgt waren, ihn aus Rache so zuzurichten, dass er schließlich dem Leidensweg des Herrn alle Ehre gemacht hätte. So hatte er sich ihnen gestellt, an der Mauer, am Loch, und er hatte gesiegt. Sein Preis war die Freiheit, und bezahlt hatte er mit dem Tode seiner Leute, aus eigener Hand verteilt. Und vermutlich mit dem eigenen Leben, denn wo sollte er schon hin? Er warf die Botschaft auf den Boden, denn nun war es ohnehin egal, was dort geschrieben stand. Er konnte nicht zurück. Weiter ging er, mühsam, einen Schritt nach dem anderen. Zurück blieben Staub, Blut und die Botschaft. Leise flatterte sie im Sande, und noch kurz wurde sie vom flammenden Licht der brennenden Stadt erhellt.
Werter Bonifatius von Montferrat, werte Ritter des Kreuzzuges!
Nicht Krieg sollt ihr führen gegen andere Christen! Jerusalem ist das Ziel, ihr Ritter im Namen des Herrn. Lasst ab von Konstantinopel. Begebt euch hin und befreit die passagia generalia.
Päpstliche Hoheit Innozenz III