Fragt ihr euch auch manchmal, was nach dem Tod mit
euch geschieht? Ich fragte mich dies einmal zu oft, und durfte etwas
Unglaubliches erleben. Dies ist meine Geschichte:
Ich hatte keine Sorgen. Ich war gesund. Ich war
wunschlos glücklich. Wir wohnten in einem Einfamilienhaus in der Vorstadt. Wir
hatten zwei wunderbare Kinder. Doch wie so oft musste das Paradies abrupt
verblassen. Ihr Großvater starb. Ich trauerte um meinen Vater. Ich wurde krank.
Trotzdem besuchte ich tagtäglich das Grab. Wir hatten einen schönen Grabstein
erstanden. Er war zwar aus Stein, jedoch wirkte er wie ein schillerndes Gebilde
aus farbigem Glas. Ich weinte. Es regnete. Der Regen vermischte sich mit meinen
Tränen und tropfte langsam auf den schimmernden Stein. Ich hörte ein Geräusch.
Ich reagierte nicht. Ich weiß nicht mehr wie lange ich dort stand, doch als ich
das nächste Mal meine Augen öffnete sah ich die Spiegelung eines Regenbogens
auf dem Stein. Ich drehte mich um und verschwand.
Grau.
Alles war grau. Die Flüsse waren nicht echt. Das Floß trieb langsam dahin. Ich
stand da, und betrachtete die Wellen mit leerem Blick. Wir legten an. Grau. Ich
ging. Mir kam jemand entgegen. „Mein Freund, was machst du denn hier?“, fragte
er grinsend. Ich antwortete nicht. Ich ging weiter. „Weißt du überhaupt wo du
hier bist“, ich stoppte, „Du weißt es nicht. Wie auch?! Dies, mein junger
Freund“, er sah kaum älter aus als ich, „Ist das Reich der Toten.“
„Und,
bist du tot? Bin ich tot?“
„Nein,
du bist nicht tot. Bei mir bin ich mir da nicht ganz so sicher…“, kicherte er.
„Ich suche meinen Vater“, hörte ich meine monotone Stimme. Plötzlich verschwand
die Gestalt, und an ihrer Stelle war auf einmal eine gebeugte Erscheinung in
einer auf den Boden reichenden Kutte. „Komm mit“, krächzte es aus dem Umhang.
Wir gingen. Es kam mir ewig vor. Wir überquerten gerade einen Hügel, als ich ein
goldenes Gebäude erblickte. Aus seiner Richtung hörte ich fröhliche Stimmen und
Gesang. „Was ist das?“
„Nicht
was, sondern wo“, verbesserte er heiser, „Dies ist, nun ja, bei euch wird es
Paradies genannt. Dies ist der Ort, der für Helden, für edle, hilfsbereite und
für diejenigen ist, die in ihrem Leben großes vollbracht haben. Wer Kriege
beendet oder verhindert, wer Frieden schafft, oder wer ganz einfach nur auch an
andere denkt, und sein Leben dem Wohle aller widmet.“ Wir hatten uns dem
Gebäude in der Zwischenzeit genähert. Jetzt erkannte ich, dass es dort keine
Türen gab, es schien ein großer Pavillon mitten in einem Meer aus Licht zu
sein. Ich beneidete die Bewohner des Paradieses um ihr Glück. Neben mir
erscholl ein tiefes Lachen, „Vergiss nicht: Nicht alle landen im Paradies. Wir
müssen weiter wenn du zu deinem Vater willst. Oder willst du hier bleiben?“ Es
klang verführerisch. Es klang gut. Keine Sorgen, keine Angst mehr; ewiges
Glück! Doch würde ich nie meine Familie wiedersehen. „Ewiges Glück!“, zischte
es in meinem Ohr. „Nein, gehen wir“, und so verließen wir das Licht, die
Sorglosigkeit und die Unbeschwertheit. Wir gingen ins Dunkle.
Es
wurde mit jedem Schritt kälter. Ich sah meinen Atem in der Luft erfrieren. Ich
sah? Es war finster! Mir war unwohl. Ich fühlte mich schlecht! In der Ferne sah
ich einen roten Schimmer. „Wohin gehen wir?“, stotterte ich. „Was ich dir nun
zeige wirst du nicht mögen. Ich kann es mir einfach nicht verkneifen“, kicherte
er, was in einem Hustenanfall endete. Wir waren näher. Ich erstarrte. „Dies,
mein dummer Freund, nennt ihr Hölle!“ Überall war Feuer. Ich stand in Flammen!
Und drohte zu erfrieren. „Kalt, nicht?“, er grinste breit, „Kleiner Scherz.
Hier landen die Sünder. Alle Mörder,
Vergewaltiger, Psychopathen und all solche, die in ihrem Leben alles daran
gelegt haben anderen zu schaden.“ Ich hatte zu zittern aufgehört und konnte
mich nicht mehr bewegen. Eine seltsame Leere nahm von mir besitz. „Schön hier,
nicht? Ein schleichender Schlaf für die Ewigkeit. Ein Kampf gegen das eigene
Wesen. Nur wer sich selbst versteht kann seine Fesseln sprengen, vielleicht…“
„Gehen
wir“, quetschte ich zwischen meinen zusammengefrorenen Lippen hervor. „Ich
liebe diesen Ort. Hier werden einem immer wieder die eigenen Fehler gezeigt.
Wer sich aus dem Paradies hierher verirrt der merkt noch nicht einmal wo er
ist; zumindest ist es bei den meisten so.“ Er machte ein paar Bewegungen mit
seinem Ärmel, trat ein paar Schritte zurück, und wir gingen weiter.
Grau.
Alles. Alles war grau. Ich sah unendlich weite graue Felder. Es sah aus wie
Beton. Es waren Seelen. „Mein lieber Freund, jetzt müssen wir bloß noch deinen
Vater finden…“
Ich
erstarrte. Finden?! In diesem Chaos? „Mein Freund, blicke nicht so erschrocken;
es hört sich schwerer an, als es ist“, er formte seine Hände zu einem Trichter
vor seiner Kapuze, „…“ Ich hörte nichts. Plötzlich bewegte sich die graue Masse
und ein Schatten schwirrte uns entgegen. „Nichts zu danken…“, bemerkte er
spöttisch. Der Schatten kam uns immer näher, und langsam nahm er Gestalt an.
Ich spürte eine einsame Träne auf meiner Wange. Ich sah meinen Vater. Auch er
weinte. Mein Junge, was machst du hier?,
hörte ich seine Stimme in meinem Kopf. „Ich weiß es nicht“, ich wurde abrupt
unterbrochen, „Wenn ich das erklären dürfte“, sein Ärmel malte einen Kreis in
die Luft, „Unser junger Freund ist auf meinen Wunsch hier“, ich sah ihn
verdattert an, „Zum einen, weil ich es liebe Besuch zu haben, zum anderen, weil
er es verstehen muss.“
„Was
muss ich verstehen?“, quoll es monoton aus meinem Mund. Mein Sohn, du bist tot.
„?!“,
er nahm die Kapuze ab. Und ich sah es, ich sah was er wirklich ist, „Mein
Freund“, tönte es von überall, „Willkommen“, mein Körper löste sich auf, „es
ist Zeit“, alles um mich herum verschwamm, „dies, mein Freund“, ich sah noch
einmal meine Familie, „ist“, sie würden es schaffen, „das“, ich würde für sie
sorgen, „R…“, und plötzlich löste ich mich auf, und war verschwunden.