Die Familie des Rotlotus

Kapitel I
Nebel in den Gassen und ein neuer Vater

Wir befinden uns in einer kleinen Werkstadt welche auch als Wohnplatz dient. In der einen Ecke liegen ein paar Schilfmatten und in der Anderen eine provisorische Kochstelle auf der ein Süppchen vor sich hin köchelt. Kinder spielen vor der Tür, auf dem Hof der von weiteren schuppenähnlichen Gebäuden gebildet wird. Die Hütten, welche Kante an Kante abschließen und so jeden Blick von Außen wie von Innen verwehren, lassen den Hof so uneinnehmbar erscheinen. Doch sind die Mauern nur aus wackeligen Holzplanken erbaut. Die Stimmen von draußen klingen freudig und ausgelassen. Könnte man doch alles mit den Augen eines Kindes betrachten, vor allem in dieser Zeit.
Die Gassen waren voller Gefahr und Sünde, beides legt sich wie ein Schleier über Aquilaert. Es ist die Zeit vor der Besteigung des Throns durch das Raubtier aus Cantrim. Die gierigen Lords, tronen wie das allsehende Auge, von ihrer selbst voll eingenommen, über der Stadt. Wer hier aufwächst dem verspricht die Zukunft nichts als Leid und prophezeit nur eines, den Tod. Einen Tod hervorgerufen auf natürliche Weise oder erdrückt durch das gezänke der Politik die auf dem Rücken der vor Angst im Staub liegenden und sich um Gnade buckelnden Bewohner ausgetragen wird. Trotz des Chaos verursacht durch die Lords, die sich mit der Hilfe der Adelshäuser und anderem zwiespältigem Klientel versuchen gegenseitig die Macht abzujagen, kann das findige Auge jedoch ein System in den Gassen und Wegen der Stadt erkennen welches nicht durch die Architekten vergangener Zeiten geschaffen wurde. Es handelt sich um ein System der Gewalt, Verbrechen und Gefallen. Die Oberfläche mag wohl von den Lords beherrscht werden, doch das wirkliche Leben in den dunklen Gassen wird durch andere Hände geformt und gelenkt. Es sind geschundene, gefurchte und blutverschmierte Hände. Sie greifen nach allem und jedem, legen sich würgend an Kehlen und langen geifernd in Beutel. Wo Leid und Angst die Vorherrschaft haben so findet sich auch schnell jemand der dies ausnutzen will um selbst ein Stück der Macht über diese Stadt an sich zu reißen.

In den Gassen schwebt ein Name, getragen von Mündern und verbreitet durch Taten. Der Name einer Gemeinschaft die ein Handwerk betreibt welches nie vom aussterben bedroht wird so lange die passende Zielgruppe vorhanden ist. Diese Zielgruppe besteht aus geängstigte und leidende Menschen die alles machen würden um nicht jeden Morgen betend vor ihren Betten, kniend, verweilen zu müssen. Betend dem Tod durch Hunger oder durch eine Klinge, geführt von der Willkür der Politik, die nach dem giert was an Hab und Gut sowieso nicht vorhanden ist, zu entgehen. Diese Organisation hat ihre Chance gewittert und sie ergriffen. Sie agiert unter dem Namen Rotlotus Familie und ist sowohl Feind als auch Freund. Sie sorgt für „Sicherheit", in ihrem Wirkungsbereich nimmt die Zahl der Hungertoten stetig ab und die Anzahl der Leichen auf den Straßen wird alleine durch die Anzahl der schwinden Feinde der Familie bestimmt. Die Familie sorgt für ihre Kinder, doch verlangt dafür einen angemessenen Lohn. Kein Geschäft wird abgeschlossen ohne das die Familie auch etwas davon hat und ebenfalls kein Laden eröffnet ohne das vorher um die Erlaubnis der Familie gefragt wurde.

Die Zeit unter der Familie war für die Bürger des Bezirks keine schlechte, allemal besser als unter den Lords an denen das Geschehen ebenfalls nicht vorbeiging. Die Lords waren jedoch zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und so nahmen sie das Geschehen in den Gassen nicht ernst. Wo kein Gold vorhanden war da lohnt es sich auch kein Gold, in Form von Beamten oder Wachen, aus zu senden um genau nach zu schauen wie wenig zu holen ist. Zwar verwirrt sich schon mal eine Wache dorthin, diese wurde jedoch geschmiert oder ausdrücklich des Platzes verwiesen. So gelang die Familie an ansehen, was nach außen hin wie eine gut organisierte Bande von Verbrechen und Mördern erschien war in Wirklichkeit eine gut funktionierende Familie die sich um ihre Mitglieder sorgte und sie unterstütze. Ihr Oberhaupt nannte sich Peronti, seine Frau gebar ihm zwar keine Kinder, doch gab ihm der Sumpf aus Verbrechen zwei Söhne. Einer der Söhne trug den Namen Cuzio. Er war der jüngere der beiden Brüder. Der Ältere trug den Namen Tragkiz.

Ein klopfen lies den Vater hochschrecken, vertieft in seine Arbeit. Er ließ Hobel sowie das Werkstück fallen. Es drang kein Wort, wohl weil keines ausgesprochen wurde, durch die dünne Holztür und es war ihm klar wer dort um Aufmerksamkeit verlangte. Geduckt und geängstigt, ihm schlotterten die Knochen in einer Kakophonie von Furcht und Hass. Er konnte es riechen, das Unheil das klopfte und auf ihn wartete. Er näherte sich der dunklen Holztür wollte den abgenutzten Holzgriff ergreifen doch da barste der Riegel des Schlosses. Die Tür gab unter der Wucht, die von Außen durch einen harten Tritt auf sie eingewirkt wurde, nach. Die Tür flog dem Vater mitsamt Scharnier entgegen. Splitter flogen und ein Knacken war zu hören. Ein Knacken verursacht durch das Brechen der faltigen Nase, die der Kraft, der aus den Angeln katapultierten Tür nachgab. Es war Stille, kein fröhliches Kinder lachen nur Stille. Drei Personen standen vor der Tür. Ihr Anführer ein ältere stämmiger Man, für diese Gegend fein gekleidet und seine zwei muskelbepackten Leibwächter. Der Vorderste, auf den Namen Perontie hörende, trat durch die Tür nach Innen. Er verzog die Nase, angewidert von dem Geruch verursacht durch vermoderndes Holz und Schweiß körperlich anstrengender Arbeit. Er trat zwei Schritte über die Tür hinweg, welche vom Vater abgeprallt auf dem Boden lag. Peronti blickte sich um, er gab ein Zeichen und einer der Männer die noch draußen standen nickte kurz und trat ein. Eine Leibwache blieb draußen und versperrte so die einzige Fluchtmöglichkeit. Die andere Leibwache ging an ihrem Anführer vorbei, durch die Hütte und in den Hof. Peronti beugte sich zum Vater runter, betrachtete den Mann und sprach in einem Ton, mit dem Mann Kinder tröstet die sich beim Spielen die Knie aufgeschürft haben. „ Mein Freund, lass mich sehen was da passiert ist. Nimm die Hände doch vom Gesicht, vielleicht kann ich Dir helfen."- Der Vater nahm jedoch seine Hände nicht vom Gesicht. Rote Stränge aus Lebenssaft rannen an den Lücken zwischen den Fingern entlang, bahnten sich ihren weg zum Boden über den Unterarm. Ein gurgeln, wütend doch wissend nichts falsches sagen zu dürfen, bahnte sich einen Weg durch die Verschlossenen Hände vorbei. - „ Peronti, was hab ich dir getan das…" - Ein husten Unterbrach die Worte, glucksend schluckte der Vater sein eigenes Blut herunter- „ das Du mich so behandelst. - Ein lächeln so krotesk wie faszinierend formte das Gesicht Perontis und er antwortete in seinem Verhandlungston - „ Ich? Ich habe Dir nichts getan, nichts was ungerecht wäre. -wütend wie ein bockendes Kind fuhr Peronti fort- „Jetzt nimm endlich Deine Hände weg und lass es mich sehen. - leicht stieß er mit dem Fuß an die Hände, welche die Nase des Vaters umklammerten als wollten sie sie davor bewahren auseinander zu fallen. Der Vater öffnete die Hände und gab den Blick frei. Die Nase hing schief, sie würde wohl nie wieder richtig im Gesicht platz nehmen können so verbogen und geknickt wie sie war. - „ So ist recht" - Perontis Fuß schnellte nach vorne. Ein tritt ließ nun die Nase einen weiteren Zentimeter gen rechte Gesichtshälfte wandern- „ Die Tür, war dafür das Du mich so lang warten lassen hast. Der Tritt dafür, das Du nicht beim ersten mal auf mich gehört hast!" Eine Stimme drang von Draußen rein: „ Boss ich hab die beiden Bastarde." - Die erste Leibwache hob, in jeder Hand eines packend, die Kinder in die Hütte. Peronti lächelte wieder so abartig das man fast nicht hinschauen mochte und antwortete- „ Sehr gut, bring sie näher. Gute Burschen, sie werden sich gut machen" - Er wandte den Blick wieder zum Vater- „ Mein bester, Du bist seit Monaten im Rückstand. Zweimal hab ich Dir schon Aufschub gewährt. Zweimal hab ich mir deine Ausreden angehört. Ich habe einen Ruf zu verteidigen und daher wird es kein drittes Mal geben. Wir verstehen uns, Du weißt was ich meine ?" - Er lachte auf - „Da wäre es doch schade um Deine zwei Jungs!" - Peronti schritt auf die Beiden zu, fest umklammert durch den stählernen Griff der Leibwache und Kniff dem jüngeren in die Wange- „ So sag mir wie waren noch ihre Namen?" - Der Vater war unfähig zu reden, sein Mund gelähmt durch Schmerzen und verklebt durch das trocknende Blut an seinen Lippen- „Wie ich sehe ist Dir gerade nicht nach sprechen, darum antworte ich mir selber. Cuzio und Tragkiz." - wieder diesen lachen, wenn Schlangen lachen könnten täten sie es so- „ Ich nehme sie zu mir, als Wiedergutmachung. - Peronti gab wieder ein Zeichen und die beiden Kinder wurden herausgeführt, außer Sicht des Vaters. Der Boss hockte sich hin und sah dem Vater tief in die Augen- „ Wie ich gesagt habe wird es kein drittes Mal geben und so kannst Du dieses nicht als Aufschub oder schon gar nicht als Begleichung deiner Schuld sehen sondern als Ende unseres Geschäftsverhältnisses" - währen er redete erhob er sich und klopfte sich den Dreck von den Kleidern. Er drehte sich um, tat einen Schritt zurück und in einer schwungvollen Bewegung schoss sein Fuß von oben dem Gesicht, des auf dem Boden kauernden Vater entgegen. Ein lautes Krachen war beim Aufprall der Schuhsole zu vernehmen. Das Krachen war aber nicht von der Nase ausgegangen sondern vom Schädel. Gebetet in einer krotesk verzogen Fratze, starten zwei, sich langsam mit Blut füllende, ausdruckslose Augen dem Oberhaupt der Rotlotus Familie entgegen. - ein erleichterndes Schnaufen war von Peronti zu vernehmen, der dabei war seine Bekleidung nach möglichen Blutflecken zu überprüfen- „ Besser kann ein Tag ja nicht anfangen. Das ist halt der Nachteil an meinem Beruf. Ein Teil an den ich mich nie gewöhnen werde, Blutflecken auf frisch gewaschenen Hosen „ - Nun verließ auch er die Hütte und zurück blieb ein toten Mann und zwei Söhne die zu einem Leben verdammt waren für das sie sich vermutlich nie selber entschieden hätten.


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