In tiefster Nacht wandert der
Wanderer durch alle Zivilisationen. Er war schon immer da, doch war es uns nie
bewusst. Alle die ihn sahen sind nun tot. Genau wie er. Dies ist die Geschichte
eines Mannes, eines Wesens, eines Anderen; dies ist die Geschichte vom Ritter
der Zeit; die Geschichte vom Tod.
Es war dunkel. Es war Nacht.
Es war ein Jahr wie jedes andere. Oder auch nicht. Zumindest nicht für Andrej.
Andrej war gerade 36 geworden, wohnte in einem heruntergekommenen Apartment in
der Innenstadt und verdingte sich als U-Bahnschaffner. Eigentlich wollte er
Anwalt werden, doch er hatte Pech, hatte er doch noch nie eine Universität von
innen gesehen. Er bereute es Nachtschicht zu haben; schon wieder. Manchmal fand
er seinen Job einfach nur langweilig. So auch heute. In bloß einem Abteil waren
überhaupt Fahrgäste. Und auch dort nicht allzu viele. Auf der einen Bank saß ein Mann, ungefähr in
Andrejs Alter. Eine recht unauffällige Erscheinung im schwarzen Mantel und mit
Dreitagebart; wäre da nicht die leere Augenhöhle. Der Mann hatte nur noch sein
rechtes Auge. Er schien zu schlafen. Der einzige andere Gast war ein alter
Mann. Sein weißes Haar rahmte ein freundliches Gesicht ein. Er lächelte. Andrej
dachte oft , wenn ihm langweilig war , daran was für Menschen seine Gäste wohl
sein mochten. Der alte Mann schien glücklich; aber war er das auch? Er hatte
schon vieles erlebt, sowohl glückliches, als auch unschönes. Der andere Mann
warf Rätsel auf. Wie hatte er das Auge verloren? Und obwohl er nicht viel älter
als Andrej aussah, hatte er schon so einiges ertragen. Doch was? Für Andrej war
er ein großes Rätsel. Erst jetzt fiel Andrej etwas Weiteres an ihm auf. Er
hatte einen Gehstock. Hatte er den auch schon als er eingestiegen war? Station.
Keiner steigt aus, niemand steigt ein. Die Türen schließen sich. Andrej war
müde. Der Alte hatte gerade auch gegähnt; nur der Einäugige saß seelenruhig auf
seinem Platz. Der Alte kramte aus seiner Tasche ein Kissen hervor und
entspannte. Andrej wollte ihn noch fragen, wann er ihn wecken sollte, doch
schon war ein lautes Schnarchen vernehmbar. Andrej blickte müde seinen anderen
Gast an. Er grinste. Er grinste wie ein kleines Kind, das jemandem einen
Streich spielt. Andrej wunderte sich. Auch Andrejs Augenlieder begannen sich zu
senken, als der Einäugige mit tiefer Stimme zu singen begann:
„Der Wanderer einsam, durch
Tal und durch Berg,
Der Wanderer einsam, durch Stahl
und durch Zwerg.
Der Wanderer mit den vielen
Namen,
Die Menschen alle zu ihm
kamen,
Damit er sie führt, der, der
nichts weiß,
Läuft er bloß noch mal im
Kreis.
Alles hat ein Ende, auch sogar
der Kreis,
Auch wenn er es jetzt nicht
weiß.
Báleygr und Bileygr, Biflidi,
hört er kaum noch; nie.
Farmatýr und auch Fjölnir,
heute halten sie ihn für ein Tier.
GrÃmnir, Hjarrandi und
Hrafnagud, ihn zu suchen keinen Mut;
Hroptatýr, Midvitnis, er sie
einst von der Erde stieß;
Yggr und Vidur, wie vergessen
sie ihn nur?
Den Sváfnir ihrer Eltern; den
Sigdir dieser Welt,
Diesen längst vergessenen
Held.
Einst er stieß sie auf die
Welt,
Nun, sie müssen auch mal
herunter…“
Er grinste mich an. Ich stand,
bewegungslos. Er stand auf. Ging zu dem Alten. Aus seinem Mantel erschien die
Sense. Der Alte war tot. Ich sah keine Wunde. Ich zitterte. Er machte einen
Schritt in meine Richtung. Und schüttelte schuldbewusst den Kopf. „Du noch
nicht“, zwinkerte er mit seinem Auge. Ich atmete unwillkürlich auf. Dann
erschienen Flügel. Flügel?! Auf einmal schienen große graue Flügel den Mantel
zu ersetzen. Nun sah ich auch, dass er eine graue Rüstung trug. Er breitete die
Flügel aus. Die Zeit stand still. Er sah mich an. „Ich hasse diese Witze; von wegen
ein Skelett im Mantel…“, sprach er ruhig und klar, „Vergiss eines nicht: Auch
du bist eines Tages dran, aber du hast noch Zeit, genieße sie“, mit diesen
Worten flog der Sensenmann davon. Wir fuhren weiter. Ich blinzelte. Ich rieb
mir die Augen. Den Kopf schüttelnd blickte ich den Alten an, er lag so
friedlich da. An der nächsten Station stieg ich summend aus. Ich hatte noch
Zeit. Ich sang das Lied vom Tod: „Der
Wanderer einsam, durch Tal und durch Berg…“