Chronium
Th. Pensator
Die größte Entdeckung der Weltraumforschung war der Fund einer neuen chemischen Verbindung auf dem fernen Saturn-Mond Titan. Diese seltene Verbindung formte sich zu einem Kristall, mit dem es möglich sein sollte, Einblick in die vierdimensionale Raumzeit zu erlangen. Die Wissenschaftler nannten jenen seltenen Kristall „Chronium". Die Sache hatte nur einen Haken: Man hatte nur eine geringe Menge dieses Stoffes gefunden und dieser Kristall ließ sich nicht künstlich erzeugen. Würde man die chemische Verbindung verschwenden, hätte man eine einmalige Gelegenheit in der Wissenschaft vertan. Man hatte festgestellt: Würde man den Kristall entsprechend mit einer elektrischen Schwingung versorgen, stellte sich eine „Verschränkung" mit der vierten Dimension ein. Für einen unermesslich kurzen Moment würde man Einblick in den Lauf der Zeit gewinnen, vielleicht für einige μ-Sekunden. Dies aber würde genügen, mit einem Hyper-Computer eine einzige wichtige Berechnung durchführen zu lassen. Danach allerdings sei das seltene Element verbraucht.
Alle Wissenschaftler stürzten sich hochmotiviert auf das Thema; aber welche Frage sollte an den 4D-Chip gestellt werden?
Ein Gremium wurde gebildet, vor dem alle Ideen vorzutragen waren. Nach und nach trafen die Fragen der unterschiedlichen Fakultäten ein.
„Wichtig ist, dass die Frage so gestellt wird, dass man unter verschiedenen Wahrscheinlichkeiten wählen kann", wies Nemitz die Wissenschaftler an.
„Warum kann keine direkte Frage gestellt werden, zum Beispiel die Frage, wie alt das Universum ist?", preschte Meibold vor. Er war noch ein Heißsporn.
Ruhig entgegnete Nemitz: „Der 4D-Chip führt keine Zeitreise durch. Wir können daher nicht unmittelbar in die Zukunft oder in die Vergangenheit sehen. Aber..." Nemitz blickte in die Versammlung der Forscher, „der Kristall ermöglicht es uns, klug gestellte Fragen zu beantworten."
„Was heißt klug?", wollte nun Miller wissen, der sich mit der Entwicklung der Bevölkerungszahlen beschäftigte.
„Nun, es müssen konkurrierende Systeme sein."
„Was soll das heißen?", bohrte Meibold, der sich nichts darunter vorstellen konnte.
„Nun, Systeme, die Wahrscheinlichkeiten für die Zukunft liefern, die wir mit heutigen Mitteln nicht lösen können, Projektionen in die Zukunft mit hohem Unsicherheitsfaktor, zum Beispiel ..."
„... zum Beispiel, ob die gesamten Ölvorkommen der Erde noch 20 oder aber 100 Jahre ausreichen werden", unterbrach Meibold.
„Richtig, so in etwa könnte man es ausdrücken."
Die Wissenschaftler trugen nach und nach dem Gremium ihre Fragen vor.
Die Mediziner fragten danach, ob in 10 oder 100 Jahren ein Mittel gegen Krebs gefunden würde.
Auch die Politiker traten auf die Bühne. Ihr Problem lautete: „Wird es eine Lösung für den Konflikt im Nahen Osten geben oder nicht?" Das musste doch zu beantworten sein, wenn die Forscher schon solch immense Mittel für ihre undurchschaubaren Aktivitäten verbrieten.
Nein, wichtiger sei die Frage, ob das Universum 10 oder 15 Milliarden Jahre alt sei. Davon hing ein für alle Mal die Glückseligkeit der Kosmologen ab.
Aber, ganz vorsichtig, nach all diesen überaus bedeutsamen Fragen, trat wieder Miller in Erscheinung und trug seine Frage leise, ja fast unhörbar vor.
„Dies sind alles höchst wichtige Dinge. Ich wage kaum, mein Problem vorzutragen."
„Nur zu, Miller, heraus damit, wo drückt der Schuh?"
„Also, ich beschäftige mich mit der Frage des Bevölkerungswachstums. Seit 2000 Jahren wächst die Zahl der Menschen auf dieser Erde unaufhaltsam. Beängstigend ist, wie die Zahl wächst, nämlich exponentiell. Daher meine Frage, ob dies denn so weiter geht bis in alle Ewigkeit oder ..."
„Oder was, Miller? Deine zweite Frage?"
„Ja, oder ob die Zahl bei, sagen wir bei 10 Milliarden Menschen halt machen wird?"
„Ach so, wenn es weiter nichts ist." Nemitz wandte sich anderen Eingaben zu.
Das Gremium hatte nun zu entscheiden. Aber der Druck von außen war enorm. Das seltene Kristall galt als unwiederbringlich. Jeder hielt seine Frage daher für die wichtigste überhaupt, und die Wirtschaft hielt es mit ihren Ölkonzernen, die nichts sehnlicher benötigten als die Kenntnis über die wahren Ölreserven. ‚Ja, dann könnte man planen ... der Bau des Ökoautos könnte zum Beispiel, bei Vorliegen entsprechender Zahlen, weit in die Zukunft verschoben werden', frohlockte auch die Autoindustrie.
Aber es sollte sich etwas ganz anderes herauskristallisieren. Das Gremium ging in Klausur, ließ keine Lobby vor, die mit ihren Petitionen drängen konnte, und entschied unumstößlich.
„Wir danken allen Fragestellern für ihre überaus wichtigen Eingaben. Wir haben es uns nicht leicht gemacht. Aber eine Frage ist um ein Vielfaches gewichtiger als alle anderen Fragen. Haben wir diese Frage geklärt, können wir die anderen Probleme mit Gelassenheit angehen.
Ich verkünde nun die Aufgabe, welche der 4D-Chip zu lösen hat: ‚Wird die Erdbevölkerung weiter exponentiell wachsen wie bisher oder wird das Wachstum auf einem hohen Niveau gestoppt werden können?'"
Ein Raunen ging durch die Zuhörer. Enttäuschte Forscher und Politiker verließen den Saal. Interviews wurden gegeben. Das Gremium erläuterte seine Entscheidung:
„Die Ökologen hoffen auf einen stagnierenden Verlauf des Bevölkerungswachstums. Die Zahlen sollen sich auf einem hohen Niveau stabilisieren, vielleicht bei 10 Milliarden Erdbewohnern. Dies wird nur durch enorme Anstrengungen im Umweltschutz, in der Familienplanung usw. ermöglicht werden. Daher hoffen die Optimisten, dass die Erdbevölkerung immer so weiter wachsen kann, denn die Menschen würden wie bisher immer neue Energiereserven erschließen, den Meeresboden und schließlich auch das Weltall besiedeln. Für die Optimisten besteht also überhaupt kein Handlungsbedarf."
Nemitz musste wieder und wieder die Funktionsweise des neuartigen Kristalls erklären, welcher, in ein winziges Chip gepresst und an einen Hyper-Computer angeschlossen, tatsächlich „irgendwie" in der Lage sein sollte, in die Zukunft zu blicken. Nemitz musste erläutern, dass ein direkter Blick in die Zukunft nicht möglich war, nur für einen ganz kurzen Moment öffnete sich ein winziges Fenster und in dieser Zeit konnte eine Frage gestellt werden.
Der Hyper-Computer wurde eingeschaltet und das Programm gestartet. Die Software war vorher wieder und wieder getestet worden. Wenn jetzt auch nur der kleinste Irrtum auftrat, wie es ja in solchen wichtigen Fällen schon des Öfteren passiert war ...
Miller ging langsam an sein Terminal. Politiker, Wissenschaftler und Reporter beobachteten gespannt das Geschehen. Was würde die Zukunft für uns bereithalten? Miller drückte auf eine Taste. Im Innern des Hyper-Computers jagten Informationen durch die verschiedensten Programme und setzten die Initialisierung in Gang. Der 4D-Kristall wartete ergeben in seinem winzigen Gehäuse. Die nötige ultrahohe Frequenz erreichte die Pole des Kristalls und versetzte ihn in Schwingung.
Für wenige μ-Sekunden öffnete sich das Fenster in die Einsteinsche Raumzeit, in der es kein Gestern, Heute oder Morgen gab, alles war, ist und sein wird. Die eingegebenen Wahrscheinlichkeiten kollabierten zu einer einzigen definitiven Wahrheit. Der Kristall schmolz unter der hohen Energie in unbedeutende Elemente. Aber das Resultat der Berechnungen würde gleich auf dem Bildschirm erscheinen.
Alles blickte voller Erwartung auf Miller, welcher das Ergebnis zu verkünden hatte. Miller schwieg. Irritiertes Raunen ging durch den Raum. Nemitz schaute ihn fragend an. Miller blickte zu Boden.
„Was ist da los?" Nemitz befürchtete einen Ausfall der Anlage, einen Totalverlust.
Auf dem Schirm erschienen drei Kurvenverläufe. Die erste Kurve zeigte einen exponentiellen Verlauf, die zweite einen stagnierenden. Dann aber kam noch ein dritter Kurvenverlauf in Sicht und begann grellrot zu blinken.
Von Miller kam immer noch keine Reaktion. Nemitz drängte nach vorn zum Bildschirm und las laut vor: „Resultat: Die Lösung ist Frage drei."
„Wie, Frage drei? Wir hatten doch nur zwei Fragen...?" Der Forscher las nun den erläuternden Text auf dem Schirm.
„1. Frage : exponentielles Wachstum"
„2. Frage : stagnierendes Wachstum bei 10 Milliarden"
„3. Frage : Kollaps der Erdbevölkerung in absehbarer Zeit"
„Wer hat denn die Parameter für Frage drei eingegeben?" Nemitz starrte Miller fragend an.
„Das war ich. Ich habe nicht gewagt, diese Frage in die Debatte einzubringen."
„Dann ist es also wahr?" Nemitz fuhr sich an die Stirn. Er begriff immer noch nicht.
Weder die Optimisten und auch nicht die Ökologen erhielten Recht. Nein, die Fatalisten. Irgendetwas würde geschehen. Seuchen, Umweltverschmutzung, ein Asteroideneinschlag oder gar ein Atomkrieg würde die Anzahl der Menschen auf unserer Erde erheblich reduzieren oder gar ganz auslöschen und dies würde in absehbarer Zeit geschehen.
Die Menschheit hatte nie eine Chance gehabt und jetzt wurde ihr auch noch jede Hoffnung genommen.
Chronium, zuerst veröffentlcht in Jenseits des Happy ends, Go & BeJot,
ISBN 3-935953-01-1
Kommentare
Auch wenn ich eigentlich mehr
Auch wenn ich eigentlich mehr so der Fan von Horror bin, muss ich sagen das dies eine sehr tolle und interessante Geschichte war.
Volle Punktzahl!!!
Hallo und willkommen auf der
Hallo und willkommen auf der Geschichtentruhe.
Da wurden unsere Geschichten ja mal im gleichen Buch veröffentlicht.
Viele Grüße
Markus