Angela

Angela

Er hetzte durch den Flughafen, er war spät dran, er versuchte sich durch die Kontrollen drängen. „Was ist!“, blaffte er sie an. Im gleichen Augenblick hörte er wie sein Name aufgerufen wurde. Sie stand dicht an seiner Seite. Jetzt sah sie ihn freundlich an und sagte mit ruhiger Stimme: „Entschuldigung, aber sie haben sich in meinem Kleid verhakt.“ „Wie verhakt?“, wollte er ungeduldig wissen. „Schauen sie doch, ihr Sakko. Ich kann es nicht lösen“, erklärte sie. „Aha, ich sehe. Ich habe es eilig. Ich wurde schon ausgerufen!“, drängte er und zog fest an seinem Sakko. Das war schließlich von solider Qualität. „Entschuldigung, aber sie haben mein Kleid zerrissen!“, sagte sie sanftmütig aber bestimmt, während sie auf ihr langes weißes Kleid hinunter sah. Ihre blonden Locken fielen über ihre Schulter nach vorn. Er holte tief Luft. „Um Himmels willen! So durchsichtig wie das Ding ist, tragen sie besser gar kein Kleid!“ „Aber ein Kleid, bleibt ein Kleid“, gab sie ihm zu verstehen. Er kramte in seinen Taschen und zog einen Schein hervor. „Hier nehmen sie. Mehr als hundert Euro ist das Ding bestimmt nicht wert!“ „Sie können es nicht bezahlen Herr H., es tut mir Leid.“ „Gut von mir aus auch zweihundert!“, wieder kramte er in den Taschen. Sie stand da, sie lächelte ihn an. Er sah zurück. „Das ist ihre Masche, ja? Sie wollen sich bereichern, oder? Vielleicht sollte ich besser die Polizei rufen! Sie haben mir nach spioniert, oder woher kennen sie meinen Namen?“ „Ich brauche ihr Geld nicht. Ich kann damit nichts anfangen. Natürlich kenne ich ihren Namen!“, erwiderte sie seelenruhig. „Gut dann kein Geld!“, stellte er fest und steckte den Schein zurück in die Tasche. Er beeilte sich zum nächsten Schalter zu kommen, sie lief mit. „Wo wollen sie jetzt hin?“, fragte sie freundlich nach. „Zu meiner Verlobten in den Urlaub!“, gab er schroff zurück, „weshalb erzähle ich ihnen das überhaupt?“ „Weil sie es mir erzählen möchten!“, entgegnete sie gutmütig. „Weshalb sollte ich einer wildfremden Person etwas von mir erzählen?!“, fauchte er sie an. Er wurde zum zweiten Mal ausgerufen. „Wildfremd?“, erkundigte sie sich lächelnd. „Nicht?! Ich wüsste nicht wo her wir uns kennen!“, erwiderte er gereizt. Sie lächelte noch immer. „Geben sie mir fünf Minuten. Ich werde versuchen es ihnen zu erklären.“ „Ich muss mein Flugzeug kriegen. Es ist wichtig! Sagen sie mir ihren Namen, vielleicht fällt es mir dann ein!“ „Angela, von mir aus auch Angelica oder Angelique. Wie sie wollen.“ „Wissen sie nicht wie sie heißen?!“, kam es bissig von ihm. „Ich habe es ihnen doch gerade gesagt“, kam es wohlklingend von ihr zurück. Er sah sie an. Er reichte sein Ticket der Dame am Schalter. Sie nahm es der Dame wieder ab, sah ihn wieder an und sagte: „ Ich weiß, sie haben es eilig und sie finden mich nicht sonderlich attraktiv. Aber das Äußere ist nicht entscheidend. Wichtig ist was dahinter steckt!“ „Darf ich mein Ticket wieder haben? Außerdem irren sie! Sie sind sehr hübsch!“, er gab das Ticket wieder der Stewardess. „Danke, dürfte ich sie bitten mir nur wenige Minuten zu opfern? Sehen sie, sie geben mir ein paar Minuten, ich schenke ihnen dafür ein ganzes Leben. Ich finde das ist ein fairer Tausch.“ Er sah sie genervt an, die Dame am Schalter zuckte mit den Schultern. „Wenn sie dann endlich ruhe geben, sei`s drum!“, gab er unsanft von sich. „Wo waren sie?“ „Wie? Wo war ich? Ich war im Krankenhaus. Wir waren zusammen auf dem Weg in den Urlaub. Unterwegs bin ich Krank geworden. Die Anderen sind schon mal vorgefahren! So war es das jetzt? Wissen sie jetzt genug?“ „Aber ihre Verlobte ist bei ihnen geblieben?“ „Nein, sie ist mit unseren Freunden gefahren!“ „Auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin?“ „Nein, das nicht gerade. Ich wollte das sie zurück kommt“, gab er kleinlaut von sich. „Sie ist natürlich sofort gekommen, ja?“ „Nein, sie mag keine Krankenhäuser.“ „Ja, ich verstehe. Wer mag die schon. Hatten sie eine schöne Geburtstagsfeier?“, fragte Angela sanft nach. Sein Name wurde wieder ausgerufen. „Nein, ich war allein. Allein in einem fremden Land, dessen Sprache ich nicht mächtig bin. Sehen sie dort die Dame am Schalter? Ich vermute, sie hat kein Wort verstanden, von dem was wir gesprochen haben. Es ist ihr auch egal. So war das.“ Er wirkte traurig. „Nein, so ist das nicht. Aber ist ihnen ihr Leben so wenig wert? Das sie es so eilig haben hier weg zu kommen?“, wollte sie nun wissen. „Nein, das kann ich nun nicht gerade behaupten! Nur ich freue mich, wenn ich wieder bei meinen Freunden bin. Das ist doch wohl verständlich!“ „Was verstehen sie unter Freundschaft?“ „Für einander da zu sein!“ „Sind sie für ihre Freunde da? Immer?“, forschte sie nach. „Ja, soweit ich das kann, mache ich es möglich!“ „Und ihre Freunde?“ Er überhörte das er schon wieder ausgerufen wurde. Er schwieg. „Was sagten sie, woher kennen wir uns?“, hakte er nach. Sie sah ihn an, sie lächelte. „Sie erinnern sich wirklich nicht?“ „Nein, es fällt mir nicht ein!“ „Wir sind uns schon sehr oft begegnet“, versicherte sie ihm. „Ich kann mich überhaupt nicht an sie erinnern.“ „Das erste Mal, da waren wir beide noch Kinder. Im Krankenhaus ihrer Heimatstadt. Sie waren mit ihrem Vater dort. Sie trugen eine Sauerstoffmaske. Sie sahen damit aus wie ein Astronaut. Sie haben geweint und ich habe ihnen vorgesungen“, erklärte sie liebevoll. Er überlegte, er schüttelte den Kopf. „Danach haben wir uns einige Male flüchtig gesehen. Etwas länger nach ihrem Unfall. Das war wohl eine ganz ordentliche Gehirnerschütterung, die sie da hatten.“ Er überlegte wieder. „Das ich mich daran nicht erinnern kann?“, sagte er leicht irritiert. „Nach dem Unfall habe ich ihnen gesagt, dass sie besser auf sich aufpassen müssen. Leider haben sie es nicht beherzigt. Es ist auch traurig mit ansehen zu müssen, wie sie dem äußeren Schein nachjagen. Die schöne Oberfläche hat nicht zwangsweise eine hübsche Innenseite“, gab sie ihm sanftmütig zu bedenken. „Das ist leider wahr“, stellte er fest und sah ihr in die Augen, die einen ungewöhnlichen Glanz hatten. Wieder überlegte er.

Ein gellender Schrei schallte durch das Gebäude, Sirenen ertönten! Die Menschen deuteten aus dem Fenster. In der Ferne schossen Flammen in den Himmel. „Um Himmelswillen, die Maschine ist abgestürzt!“, rief die Dame hinter dem Schalter. Er wandte sich an die Dame. „Sind sie sicher!“ „Ja, so sehen sie doch!“, antwortete diese aufgeregt. Dann musterte sie ihn. „Sie wollten doch auch mitfliegen! Hatten sie mir nicht vorhin ein Ticket gegeben?“, wollte die Dame nun wissen. „Ja, das hatte ich.“ „Welch ein Glück sie haben, da hatten sie wohl ihren Schutzengel dabei!“ „Ja! Und jetzt erinnere ich mich auch!“ Er wandte sich wieder um, zu Angela, sie war schon gegangen. Aber aus weiter Ferne sah er noch ihr Lächeln.

An diesem Tag zog er es vor nach Hause zu fahren, statt in den Urlaub. Er wusste dort warteten Menschen die immer fĂĽr ihn da waren, auch dann wenn es ihm nicht gut ging.


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